Tabuthema Auslassungszeichen – Was uns im Deutschunterricht verschwiegen wird.

Für alle, die am 31.08.2018 nicht todesmutig in die Kutscherstube gekommen sind oder aber meinen Redeschwall ohne Punkt und Komma noch einmal mit entsprechender Interpunktion nachlesen wollen.

Punkt, Punkt, Komma Strich ...

 

 

Auslassungszeichen. Werden im Deutschunterricht gern ausgelassen. Oder sind an dem Tag besprochen worden, an dem wir alle kollektiv gefehlt haben.

 

Wer von euch benutzt WhatsApp, eMail, schreibt Briefe oder bewegt sich in den sozialen Medien? Vermutlich alle. Sind hier Ingenieure anwesend oder Sozialpädagogen? Ihr braucht keine Interpunktion, nä? Höchstens mal als Tausendertrennzeichen oder für Dezimalstellen, Pädagogen brauchen nur Hände und (Gänse-)Füße.

 

Ich persönlich mag Buchstaben einfach lieber als Zahlen, heute Abend sind es aber die Satzzeichen, die man ja auch ab und zu braucht. Sollte man. Und nicht nur für den Klassiker „Ich mag meine Familie kochen und meine Katze“.

 

Ich bemühe an dieser Stelle auch nicht den Bömmel aus der Feuerzangenbowle, ich postuliere: Wie stellen uns nicht dumm, wir sind es.

Mich eingeschlossen. Denn ich muss das auch ab und an nachschlagen. Und ich verdien damit meine Brötchen. Ätzend, wa?
Ich seh schon, ihr langweilt euch. Wundervoll, so im halbgaren Zustand, nach eineindrölftel Pilsss abends um halb zehn kommt die Olle mit Grammatik um die Ecke.

 

Was sein muss, muss sein ...

 

SMS von letzter Nacht betrachten wir heute mal sprachwissenschaftlich, ich sag bewusst nicht linguistisch, weil dann wieder irgendjemand an Linguini denkt und Hunger auf Nudeln kriegt, den Saal verlässt ... wir brauchen hier aber jeden Mann!

Ich möchte, dass ihr mir gleich alle eine SMS sendet. [Während der Nerd Night wurde hier eine Telefonnummer eingeblendet. Achtzehn Textnachrichten trudelten ein. Ich diktierte den Satz:]

 

Es war einmal …

 

Jutie, meine Omma wird sich jetzt wundern, aber schön, dass ihr mitgemacht habt. Omma wird sich dann die Tage melden und fragen, wer sie denn zum Käffchen mit Frankfurter Kranz abholt. Termine vergibt sie vermutlich ab Mitte September, richtet euch darauf ein.

Ich mach jetzt keine Bestandsaufnahme, aber ich behaupte mal, dass 80 % vor dem Punkt, Punkt, Punkt kein Leerzeichen stehen haben.  Leerzeichen vor den drei Punkten? Ist ja das Deppenleerzeichen. Macht man nicht. Oder?

Eine Dame von den achtzehn Personen hatte das Leerzeichen verwendet, ein ganz kreativer Kopf hat das "Punkt, Punkt, Punkt" ausgeschrieben, der Rest … schloss die drei Punkte an das letzte Wort direkt an.

Wo sind die Ingenieure?

 

DIN 5008 – wem sagt die was? Niemand? Keine Streber hier? Ihr seid mir Nerds …

 

So, ich hoffe, ihr pinnt das mit, ich wiederhol das nämlich nicht …

Wenn man in einem Text Teile auslassen will, kennzeichnet man diese mit „…“. Zu beachten ist dabei, dass vor und nach den drei Punkten unbedingt ein Leerzeichen zu setzen ist.

 

Wenn die „…“ das Ende des Satzes sind, kommt übrigens kein vierter Punkt hinzu. So wie bei Deutschland und den fünf Sternen …

 

Also, ab sofort: Leerzeichen vor die drei Punkte. Die einzigen Rudeltiere im Grammatikzoo. Die Drei Fragezeichen bleiben davon unberührt.

 

Aus dem Publikum kam im Anschluss der Einwand, der Duden und die DIN seien nur Empfehlungen. Ja. Stimmt. Die konsensuelle Verwendung im gemeinschaftlichen Umgang mit Sprache ist nicht gesetzlich geregelt, beide Institutionen sind aber klare Vorreiter, wenn es um richtungsweisende und allgemein anerkannte Regeln geht. In diesem Sinne gute Orthografie und Grammatik sind und bleiben sexy … Auf die Nachfrage hin, ob ich das in privater Korrespondenz ankreiden und ob ich meine Tinder-Dates nach ihrer Rechtschreibung auswählen würde, musste ich erst mal herzlich lachen. Nein, in privaten Nachrichten setze ich keinen Rotstift an und als glücklich verheiratete Frau ist mir Tinder nur der Funktion und dem Namen nach bekannt.

Familienbande

 

Die drei Punkte haben übrigens ein verhasstes Stiefgeschwister, ein janusköpfiges Etwas, das sich Halbgeviertstrich nennt.
Wir denken alle mal laut mit und lassen es uns auf der Zunge zergehen: Halb-ge-viert-strich. Geiles Wort. Oder?

 

Keine Ahnung, wie der aussieht? Ich helfe euch. So: –

 

Der Halbgeviertstrich heißt auch Gedankenstrich und dient als Anknüpfungszeichen, sprich: Im Text wird ein anderer Gedanke eingeschoben, den man nicht durch Kommata abtrennen will. Er kann aber auch Gedanken- oder Redepausen signalisieren.

 

Die Word-Nutzer kennen den vermutlich auch, weil er automatisch bei Aufzählungen und nach Leerzeichen Bindestrich Leerzeichen gesetzt wird. Huch, sie hat Bindestrich gesagt. Ja, Binde, Strich, der Ficken-Artikel ist hier auf meinem Blog nachzulesen, heute echt nur seriös. Ehrlich.

 

Also, der Bindestrich ist der kleine Bruder vom Halbgeviertstrich.

 

Er dient (lt. Duden) zur internen Gliederung von Wortformen und hauptsächlich zur Silbentrennung am Zeilenende. Und verbindet. Doppelnamen. Straßennamen. Buchstaben und Zahlen. Welten. Und er trennt das Drucker-Zeugnis vom Druck-Erzeugnis.

 

 

Drucker-Zeugnis

Druck-Erzeugnis

Druckerzeugnis

 

Wilhelm-Lantermann-Straße

Kathrin-Türks-Halle

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

 

Und dann wäre da noch die Sa-

che mit der kleinen Miezekat-

ze und der Silbentrennung am

Zeilenende.

Ich langweile euch noch nicht genug? Zusammen mit dem – ihr ahnt es – Geviertstrich feiern Halbgeviertstrich und Bindestrich auf der Strichliste voll ab – wer morsen will, muss freundlich sein … oder so. Der Geviertstrich … hat halt den Längsten … und sieht übrigens so aus: ––

 

Den sieht man im deutschen Sprachgebrauch kaum. Höchstens mal wenn es um Bibelstellen geht oder bei Preisangaben. Der heißt so, weil er genau ein Geviert lang ist. Also doppelt so lang wie der Halbgeviertstrich. Für die, die es mehr mit Mathe haben.

Und nun?

 

Unsere fröhliche Patchworkfamilie steht jetzt da im Satz und alle haben sich lieb, miteinander statt gegeneinander und so … und es könnte echt so idyllisch weitergehen, wenn nicht im englischen Sprachgebrauch alles anders wäre. Aber da fragt ihr dann besser jemanden, der sich damit auskennt.

 

Auf die Erläuterung, wann der Bindestrich bei abgebrochenen Wörtern oder Sätzen zu setzen ist bzw. welches Auslassungszeichen verwendet wird, wenn man ein Wort nicht zu Ende ausschreibt, habe ich im Vortrag aus Zeitgründen verzichtet. Nachzulesen ist dies hier in aller Kürze.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Reinhard Claves (Donnerstag, 13 September 2018 16:20)

    Ich unternehme mal den Versuch das alles in meinen grauen Gehirnwindungen zu sortiern, Deine Intentionen zu ergründen, die richtige Würdigung und Antworten für die Arbeit von Pädagogen nicht nur mit (Gänse)-Füßen zu finden, auf jeden Fall aber mich intensiv mit Deinem Buch auseinander zu setzen. Und - dann Deinen Worten bei einer Vorlesung Glauben schenken zu wollen!

  • #2

    Larissa Schwarz (Donnerstag, 13 September 2018 19:50)

    Lieber Reinhard,
    das mit dem Pädagogen-Bashing ist eine unschöne Marotte meinerseits … ich habe sehr viele Erzieher, Lehrer und Therapeuten in meinem privaten Umfeld, die mir a) Beispiele sind und es b) augenzwinkernd verzeihen, wenn ich ihren Berufsstand hin und wieder aufs Korn nehme. Die Ingenieure ebenfalls.

    Die Wichtigkeit ihres Tuns und die Auswirkungen dessen auf unsere Gesellschaft sind mir durchaus bewusst und so streite ich auch gern für mehr Anerkennung, bessere Vergütung und ein freundlicheres Arbeitsumfeld.

    Witzigerweise waren tatsächlich an dem Abend nur ein Ingenieur und eine Pädagogin anwesend, von denen entsprechende Einwände kamen. Man hat mir aber auch dort die Provokation verziehen und so wie ich dich kennengelernt habe, liest du das Augenzwinkern zwischen den Zeilen mit.

    Herzliche Grüße,
    Larissa