Schizophren oder doch nur Autorin? – Aus dem Hirn einer Schreibenden.

 

Was so im Kopf von Frau Schwarz vor sich geht, kann man in ihren Büchern nachlesen. Wie es aber dazu kommt, dass diese „Kopf-Gehirn-Prozesse“ (um es mit King Juliens Worten zu sagen) ihren Weg aufs Papier finden, lest ihr hier. Achtung: Sie hört Stimmen!

 

 

 

Vor gut anderthalb Jahren startete ich, naiv und ambitioniert, das Projekt ER.

 

Im amerikanischen Sprachraum versteht man darunter den Emergency Room. Die Notaufnahme. Retten, was zu retten ist.

 

Im medizinischen Sprachduktus ist ER das Endoplasmatische Retikulum. Ein Membransystem in Zellen.

 

Politisch meint ER am ehesten den Europarat.

 

In der Rechtswissenschaft bezeichnet ER den Ermittlungsrichter.

 

Für mich stehen diese beiden Lettern für die Eschberg-Reihe.

 

Und witzigerweise hat mich, um das mal am Rande anzumerken, diese Buchreihe mit all den anderen oben genannten ERs konfrontiert. Aber der Reihe nach. (Ha-ha. Sie hat Reihe gesagt.)

 

 

Anfang 2013 geisterten zwei Menschen in meinem Kopf herum und stritten sich. Ich hatte gerade „Die Seidenbaronin“ von Martina Rauen gelesen und mich damit von vielen fürchterlichen Leseerfahrungen erholt, die mir mit einigen historischen Romanen und Fantasynovels davor untergekommen waren. Die Sache mit dem Frauenbild und so … Ihr wisst schon.

 

Irgendwann erfuhr ich die Namen der beiden Streithälse, die mir nach ein paar Tagen ziemlich auf den Keks gingen, weil sie einfach immer da waren. Redeten. Sex hatten. Sich anschrien. Küssten. Elisabeth und Moritz wollten mich nämlich plötzlich als Schiedsrichter engagieren.

 

„Hey, Leute, ist ja nett, aber nicht meine Baustelle. So long!“

„Larissa, echt jetzt. Wir kriegen das allein nicht auf die Kette. Guck uns doch mal an!“

 

Und damit hatten sie mich. Ich wurde zur Sorgentante für meine beiden Herzchen. In loser Reihenfolge erzählten sie mir ihre Geschichte. Völlig durcheinander und krude. Erst Gegenwart, dann Kindheit. Ein paar Wünsche für die Zukunft. Schule. Gestern, Uni. Erste Küsse, erste Male. Schuhgrößen. Lieblingskekse.

 

Und dann wollten sich auch noch, dass ich das alles behalte.

 

„Danke. Hab ja sonst den Kopf auch nur zum Haareschneiden.“

„Dann schreib es halt auf!“

 

 Uff. Und wieder hatten sie mich.

 

„Wir wissen, dass du immer viel geschrieben hast. Mach mal!“

„Kann ich euch anrufen, wenn ich nicht weiterkomme?“

„Wenn’s sein muss … aber nicht beim Knutschen stören!“

 

Aus einer Loseblattsammlung, teilweise in schlaflosen Nächsten ins Notizbuch gekritzelten Halbsätzen, Handyvermerken und an mich selbst adressierten Mails wurden 300 Romanseiten.

 

Ohne Roten Faden. Ohne Plot. Ohne Ahnung,

 

„Aber Hauptsache ist, es ist aus dem Kopf raus. Adieu, ihr zwei!“

 

Denkste. Die beiden fingen auf einmal an zu nörgeln.

 

„So war das nicht … das war viel schlimmer … und das und das ist eigentlich viel eher passiert … wir wollen ein Happy End. Mach fertig!“

 

Danke. Hab ja sonst nix zu tun. Also: Alles auf Anfang. Plot geschrieben. Szenen gelöscht. Redigiert. Übergeleitet.

 

„So, da habt ihr euer Happy End.“

„Danke, du bist ein Schatz.“

 

 

 

„Hrmhrm.“ Irgendjemand räusperte sich. Zupfte an meinem Ärmel. Guckte mich aus großen braunen Augen an.

„Hi, kennst du mich noch?“

„Du bist Victoria, ja?“

„Mhm. Ich würd mich sooooo gern verlieben!“

„Ähm, du bist mit Hakim zusammen.“

„Oh! Da war was. Aber du kannst doch sicher was dran machen, hm?“

„Du, das ist –“

„Bittöööö! Bitte, bitte, bitte!“

 

Ich konnte nicht widerstehen. Wollte ich auch gar nicht. Aber es gab eine Abmachung zwischen ihr und mir. „Deine Geschichte erzählst du mir chronologisch und ich hake dann an den entsprechenden Stellen ein. Okay?“

„Na ja, ich weiß ja nicht, wie ich anfangen soll. DU sollst mir das ja schreiben!“

 

Victoria musste ich also an die Hand nehmen und ein Jahr lang begleiten, zusehen, wie sie Spaghetti Carbonara aß, laufen ging und fliegen lernte.

 

Noch im selben Jahr klopfte Solveig an und schüttete mir ihr Herz aus. Sie hat mich sofort für sich eingenommen und persönlich am tiefsten berührt. Mit ihr musste ich wenig diskutieren, sie war immer fokussiert, klar auf den Punkt und geradlinig. Sonst hätte ich es nie gewagt, nachdem Victoria mich verlassen hatte, parallel die ersten Dates mit Henriette zu haben.

 

Ich bin nicht der Typ, der gern mehrere Flughäfen und Philharmonien gleichzeitig plant und baut. Aber wenn nun mal alle gleichzeitig Bedarf haben?

 

Henriette war ohnehin ganz anders als ihre drei Freundinnen. Ich will nicht sagen launisch oder zickig  ... aber weniger stabil, noch nicht so angekommen und mit sich selbst im Reinen wie die anderen.

 

Dementsprechend lang dauerte es, bis sie mich an sich rangelassen hat. Glücklicherweise kannte ich da schon ihre Freunde und auch die Orte, an die es sie verschlug.

 

Während Magnus, Matthias und Moritz echte Kumpel waren, war Konstantin die Schamhafte Sinnpflanze im Quartett. Ein charismatischer, süßer und lieber Kerl, aber so verschlossen und schüchtern – ein Fall für die Couch. Liegen lassen.

 

Die beiden brauchten etwas länger. Kein Beinbruch; hab ja Zeit. Und während ich wartete, trat mir Constanze schon auf die Füße.
„Du hast aber gesehen, dass ich auch da bin, ja?“

„Ja. Bitte hinten anstellen!“

„Neineinein, ist wichtig, ehrlich!“

 

Ihr seht: Die Zeiten, in denen mein Kopf einfach mal ein paar Stunden Ruthenisches Salzkraut durchs Bild laufen ließ, waren längst vorbei.

 

Als Constanze sich zum ersten Mal gemeldet hat, bin ich gerade der Schnapsidee von Elisabeth und Moritz gefolgt. Welcher?

„Ach, Larissa ... Meinst du nicht, dass auch andere Leser unsere Geschichte mögen könnten?“

„Na ja, es ist EURE Geschichte und ihr habt sie mit anvertraut. Wollt ihr echt, dass das noch andere erfahren?“

„Au ja!“

„Na gut. Gibt ja Mittel und Wege. Wir gucken mal.“

„Nee, mach jetzt. Sonst machst du es nie!“

 

 

Ich hab mich breitschlagen lassen. Constanze musste warten. Aber da sie ohnehin gerade ihren Führerschein abgegeben hatte und in den Urlaub wollte …

 

Die Geschichte des Selfpublishing ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Darüber erzählen bereits viele andere Artikel meines Blogs. Deswegen gibt es an dieser Stelle auch keinen Exkurs, wie anstrengend (ich war ambitioniert …) und aufreibend (herrje, was war ich naiv) die Folgen einer Veröffentlichung sind.

  

 

Als ich Constanze gerade mit kurzen Visiten bei Laune hielt, brach der „katz-normale Wahnsinn“ in Form von Tiffany aus. Eine Hommage an meine Katze Audrey, die ungeplant innerhalb von acht Tagen das Licht der Bücherregale erblickte.

 

Irgendwann meldete sich da plötzlich Konstantin. Statt aber zu erklären, was denn nun mit Henriette ist, erzählte er mir was von einem Tagebuch aus dem Jahr 1022, warf es in meinen Briefkasten und meinte: „Mach mal. Dann können Moritz und ich uns endlich zurücklehnen.“

 

Schönen Dank auch. Aber was tut man nicht alles für seine Protagonisten.

 

Während der White Night auf Schloss Eschberg kam ich mit Ricarda ins Gespräch, die sich als Seelensammlerin entpuppte und mir versprach, mich über die Geschichten aller anderen Freunde und Bekannten auf dem Laufenden zu halten – ob ich wollte oder nicht.

 

Zum Glück kamen Elisabeth und Moritz auf die Idee, sich bei Jette und Konstantin einzumischen. Auch während der White Night. Und plötzlich ging es mit den beiden voran. Ein Stück. Und genauso schnell verkrochen sie sich wieder. Henriettes Bruder Nils tauchte aber dafür auf, machte ratzfatz Nägel mit Köpfen und stellte mir als Abschiedsgeschenk Nathalie vor.

 

Die hat mir bisher aber nur ein paar Briefe geschrieben. Und Valerie die Bühne überlassen, die von Henriette dort hinaufgezerrt wurde.

   

Könnt ihr mir noch folgen?

 

Inzwischen hat sich bei den Damen herumgesprochen, wie sie es mit mir am besten angehen. Leider macht keine vorab einen Termin. Aber es geht auch so. Auftauchen, loslabern, geradlinig erzählen, was Sache ist, und auf Rückruf warten. „Ihr kommt alle dran, keine Panik!“

 

Sie halten sich inzwischen dran. Nummer ziehen. Erstgespräch. Warteschleife.

 

Nur die Kinder von Eschberg natürlich nicht. Vorwitziges Pack!

Aber auch der Blick in die Zukunft ist inzwischen „smooth wie Kamasutra“. Sie wollen gar nicht alles loswerden. Ein paar Geheimnisse heben sie sich gern für später auf.

 

 

Als ich im Oktober 2017 dann Henriette und Konstantin fragte, was denn nun Sache ist, hieß es: „Weißte doch. Happy End und so. Vorher Paris wäre cool. Und denk an Frankfurt!“

 

Danke. Ich mag es, wenn man mir Bröckchen hinwirft.

 

„Wisst ihr was? Macht euren Scheiß doch alleine!“

 

Und plötzlich kamen sie. Regelmäßig. Vorbereitet. Zum Kaffee. Zum Essen. Ins Bett. Unter die Dusche. Ins Auto. Und hatten es auf einmal soooo eilig.
Anstrengend.

 

Sooo viele Stellen, die angeblich nicht stimmten oder unplausibel blieben. So viel Herzschmerz, Gejammer und Geheule …

Aber so süß dabei und schutzbedürftig. Ganz vorsichtig anfassen. Mit Samthandschuhen. Herzchen aus Glas.

Und mit einem Mal wichen sie mir nicht mehr von der Seite und wurden schließlich ein Teil von mir und der Eschberg-Reihe.

 

Als Constanze vor ein paar Tagen hörte, dass „Traumhaft“ nun endlich fertiggeschrieben war, schickte sie mir unaufgefordert dreißig Seiten ihrer Erinnerungen. (Jetzt weiß ich, wie sich Verlage fühlen.)

 

Dennoch hätte es keinen besseren Zeitpunkt geben können und ich bin froh, dass sie Emily und Catharina mitgebracht hat. Es geht also weiter …

 

 

Eschberg forevER   ❤️

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Vero Havre (Dienstag, 14 November 2017 23:01)

    Viva Eschberg!