Es ist mir eine Leere – Vom Loch im Herzen nach einer Veröffentlichung

Keine Sorge, wir werden heute nicht medizinisch, höchstens ein bisschen. Mit dem Loch ist, das spoilere ich vorweg, kein Vorhofseptumdefekt gemeint und auch kein persistierender Ductus arteriosus. Beides sind angeborene Herzfehler – das Loch, das ein veröffentlichtes Buch hinterlässt, ist eher – anerzogen? Angedichtet? Eingebildet?
Ganz exklusiv plaudere ich heute ein bisschen für euch aus dem Nähkästchen. Nadel, Tupfer, resorbierbare Fäden, alles da. Donati-Naht? Kann ich. Aber zurück zum Thema – bevor noch jemand auf die Idee kommt, das alles zu hinterfragen.
Körperliche Ausfallerscheinungen nach Buchveröffentlichung. Autoren im Wochenbett.
Mit meinen Büchern gehe ich im Schnitt 8 Tage bis 12 Monate schwanger. Also liegt die Tragdauer irgendwo zwischen der eines Australischen Marders und eines Steppenzebras. Säugezeit und Co. nicht mitgerechnet. Bis meine zellstoffgewordenen Brainbabys dann also flügge sind, vergeht eine ganze Weile. Wort eins meines ersten Buches habe ich Mitte 2012 zu (Bildschirm-)Papier gebracht. Es schlummert, wie die restlichen 79.022, brav auf meiner externen Festplatte. Und die ist geduldig. Ein Terrabyte geduldig. Will heißen: Ihr werdet es nie lesen. (Falls sich jemand auf ein potentielles, vorzeitiges Ableben meinerseits freut: Ich habe sowohl Testament als auch Letzten Willen verfasst und meine beste Freundin ist Anwältin und Testamentsvollstreckerin. Kurz: dadöööööm.) Wo war ich? Äh, ja. Genau. Im Jahr 2013 habe ich mit dem Schreiben der Eschberg-Reihe begonnen. Aus einem ursprünglichen Zweiteiler wurden drei, vier – eine Reihe. Denn nichts gibt mir mehr Halt als Familie und Freunde. Und zu genau denen will ich meine Protagonisten für meine Leser werden lassen.
Eine Leserin bezeichnete Band 1 der Reihe mal als „Daily-Soap zum Lesen“. Zunächst war ich am Boden. Wiederkehrende Themen. Stereotype Protagonisten. Ewiggleiche Plots.
Mit ein wenig Abstand habe ich das Ganze aber anders gesehen. Auch wenn heute kaum noch Seifenopern oder Telenovelas langfristig laufen – sie waren ein Stück meiner Jugend. Ich bekomme bei manchen Titelmelodien immer noch Herzrasen. Und ich erinnere mich gern an das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein. Zu diesen Menschen zu gehören. Bezogen auf das Buch empfand ich es plötzlich als Lob. Im Kopfkino der Leserin waren meine Protagonisten zu Menschen geworden. Menschen, denen sie jeden Tag beim Leben zusehen wollte und es in ihrer Fantasie getan hat. Menschen, deren Gefühle sie interessiert haben, weil sie glaubhaft rüberkommen. An der ein oder anderen Stelle vielleicht ein bisschen überspitzt, aber nie zu zufällig.
„Bla bla – Larissa, komm auf den Punkt.“
Äh, ja. Sorry. Ich rede so gern über Bücher und Protagonisten und –
„Dann mach das nächstes Mal zum Thema. Wir waren bei Loch im Herzen.“
Hm. Loch im Herzen. Hatte Emil in Band drei als Frühchen auch.
„Larissa!“
Okay, okay. Also: Wenn ich das Knöpfchen „veröffentlichen“ gedrückt habe, geht es mir meistens – komisch. Ich habe gedacht, dass sich das nach dem vierten Buch innerhalb von zehn Monaten ändert, aber nein – es wird schlimmer. Einerseits ist es der berühmte Ballast, der von einem abfällt. Man fühlt sich frei, schwerelos fast (ja, ich liebe Wizard of Oz, Defying Gravity). Purzelbäume. Einhörner. Glitzer. Ende. Fertig. Juchu. Nie wieder – öhm. Dadöööm. Denn auf der anderen Seite ist da dieser konstante Antrieb. Weitermachen zu wollen. Wie ein Hund, der das Stöckchen immer wieder zurückbringt. Weil’s so schön ist. Und Spaß macht. Aber irgendjemand muss das Stöckchen auch wieder werfen. Und das tun glücklicherweise meine Protagonisten, die mich nicht in Ruhe lassen. Vehement zerren sie an mir, knurren, brummen, wedeln mit dem Schwanz [hihi, sie hat wieder mal Schwanz gesagt!] und wollen beachtet werden. Und das ist auch gut so. Denn sie füllen diese Lücke, die nach dem Entlassen des Buches in die Welt dort klafft, wo das Herzblut, mit dem es geschrieben wurde, entlanggerauscht ist.
Dennoch bin ich jedes Mal ein wenig wehmütig, wenn ich ein Buch aus dem Status „Projekt“ entlasse und es in die Veröffentlichung gebe. Wie wird es meinen Schützlingen ergehen? Wie werden sie in dieser Welt empfangen? Wer wird sie willkommen heißen? Werden sie Teil der Familie?
Eigentlich darf ich mir ab diesem Mausklick keine Gedanken mehr machen. Ich muss loslassen und sie ihre eigenen Erfahrungen sammeln lassen. Sie durch Leserunden und auf Buchwanderschaft geben. Ihnen ein Plätzchen im Regal beim Buchhändler vor Ort besorgen. Ich darf auf die ein oder andere Ansichtskarte hoffen, sie sind ja gut erzogen. Aber sie sind auch erwachsen. Ich darf mich für sie nicht mehr rechtfertigen, darf nicht mehr schönreden, was sie fabrizieren und hole sie auch nicht bei der Rezi-Polizei ab, wenn sie von einer Streife aufgegriffen wurden. Aber ich beobachte sie. Ihren Weg. Verfolge, wohin sie sich begeben und auf wen sie möglicherweise treffen. Auch wenn ich meine Hand nicht über sie halten oder mich schützend vor sie stellen kann, ich bin da. Und beobachte. Damit in der Erziehung der nächsten Protagonisten die Stellschrauben an verschiedenen Positionen nachgezogen werden können.
Ich enttarne mich also gerade als Kontrollfreak. Aber seien es acht Tage oder mehrere Monate – sie haben in meiner Fantasie gewohnt, sich dort häuslich eingerichtet, wohlgefühlt und ihre Spuren hinterlassen. Und ich habe mein Herz an sie gehängt. Das, in dem jetzt ein Loch ist. Bis der nächste Protagonist mich in einen Blutrausch versetzt. Den Herzschmerz nimmt und die Artikulationsstörungen (schreiben geht immer besser als reden). Der dieses Gefühl der Nestwärme zurückgibt, die das neue Buch braucht um zu wachsen und zu gedeihen. Der der neuen Geschichte das Leben einhaucht.

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