Nerd, Geek, Freak? Eine Autorin in der Identitätskrise.

In einem Facebook-Post habe ich neulich Folgendes geschrieben:

 

 Abends im Hause Schwarz.

 

Larissa: Ich bin grad beleidigt worden!

Henning: Oh, oh! Was ist passiert?

 

Larissa: Da liefen zwei Halbwüchsige am Parkplatz vorbei und der Eine meinte: Whoah, krass. Da steht ein Ritterzelt im Vorgarten. Und die haben die Flagge von Herr der Ringe!

 

Henning: Ja, und?

 

Larissa: Ja, Moooomeeent. Der andere Ursel meinte dann: Da wohnt die Autorin mit ihrem Nerd-Freund.

Henning: Und?

 

Larissa [schnieft]: Ich bin auch ein Nerd ...

 

Daraufhin wurde mir in den Kommentaren ein Bild zuteil, das „Nerds“ zeigt. Einen Mann, eine Frau, beide bebrillt und in Mauerblümchen-Kleidung. Stifte in der Hemdtasche bzw. Pickel im Gesicht. Daneben zwei „hippere“ Gestalten, die ihr Lebensgefühl in ihrem Kleidungsstil ausdrückten, bunte Haare hatten und eher den Eindruck vermittelten, sich gern mit anderen Menschen zu beschäftigen.

 

Abgesehen davon, dass hier Stereotypen und Klischees überspitzt wurden, fand ich den Untertitel zum zweiten Paar irgendwie irreführend: „Menschen, die sich selbst als Nerds bezeichnen.“

 

Frei nach Grönemeyer stellte sich mir die Frage: Wann ist ein Nerd ein Nerd?

 

Wenn er selbst sich so sieht? Eben so, wie ich mich als Pastafari bezeichne, weil diese Religion es mir gestattet, dies ohne weitere spirituelle Intention oder feierlich geleisteten Eid zu tun.

 

Oder, weil er dem dazu passenden Gesellschaftsbild entspricht?

 

Bliebe die Frage, wie dieses Bild aussieht. Da Wikipedia ja durch Schwarmwissen glänzt, möchte ich sie ausnahmsweise an dieser Stelle zitieren: „Nerd [nɜːd] (engl. modern für „Computerfreak“; ursprünglich für „Sonderling“)[1] ist eine Bezeichnung für begabte an Spezialinteressen hängende Menschen mit sozialen Defiziten.“ 

 

Abgesehen davon, dass meines Erachtens in diesem Satz Kommata fehlen, da es sich um eine Partizipgruppe handelt, finde ich, dass das noch keinen Hinweis auf Äußerlichkeiten enthält. 

Oder stigmatisiert ein rosa Hemd mit Stiften in der Brusttasche und die, mit dem Bündchen auf der Taille liegende, braune Hose den Mann als sozial defizitär? Die Frau mit der Brille? 

Ganz nebenbei: Aus Eitelkeit und diversen Gründen der Praktikabilität trage ich überwiegend Kontaktlinsen. Ansonsten jedoch eine uralte Hornbrille im Wayfarer-Stil.  

Zurück zum Anliegen. „Begabte, an Spezialinteressen hängende, Menschen“ – Gut, nur weil jeder von uns täglich die deutsche Sprache ge- oder missbraucht, muss das ja nun nicht heißen, dass ich mich nicht implizit besonders gern mit ihr auseinandersetze und darin ein Spezialinteresse sehe. Übrigens: Das Partizip in der Aufzählung halte ich stilistisch für misslungen, aber das ist Geschmackssache. Versteht ihr, was ich meine? Schön.

 

Ich bemühe an dieser Stelle aber gern noch den von mir so geliebten Duden; wohlwissend, dass es auch andere Nachschlagewerke gibt. Gleichwohl ist er mir dennoch am sympathischsten.

 

Also, unter „Nerd“ findet sich dort folgende Definition[1]: Substantiv, maskulin - sehr intelligenter, aber sozial isolierter Computerfan

 

Huch, da ist ja der Computer wieder. Den hatte ich tatsächlich verdrängt. Und den kann ich auch nur schwerlich unterbringen, in Bezug auf meine Person. Außer in Anbetracht der Tatsache, dass ich 95 % meiner Arbeit am Computer erledige und mit diesem überdurchschnittlich gut umzugehen weiß. Aber auch das nur am Rande. Ein Fan oder Freak bin ich noch lange nicht. Fan missfällt mir, da ich weder fähnchenschwenkend davor sitze, noch weil ich keine besondere Beziehung zu ihm verspüre. Freak … das war doch ein eigener Begriff, der in der Diskussion gefallen ist. Sehen wir uns diesen noch mal genauer an.

 

Im Duden heißt es dazu: „Freak“[2]:  1. Person, die sich nicht ins normale bürgerliche Leben einfügt, die ihre gesellschaftlichen Bindungen aufgegeben hat, um frei zu sein

 

(alternativ) 2. jemand, der sich in übertrieben erscheinender Weise für etwas begeistert

 

Puuuuh, also bei 1. sehe ich mich definitiv nicht. Ich bin Spießer. Von Natur aus. Gern. Möchte ich auch bleiben. Aber gegen 2. habe ich nichts einzuwenden. Das beanspruche ich gern für mich. Wort-Freak. Klingt beinahe nett. Und ich begeistere mich sogar für meinen Computer, da er mir sehr viel Arbeit erleichtert oder teilweise auch abnimmt. Wirklich. Ich huldige ihm zwar nicht – dafür habe ich den Freitag und das Fliegende Spaghettimonster – aber er steht unter meinem persönlichen Schutz und wir haben ein sehr besonderes Vertrauensverhältnis. Er hat meinen Fingerabdruck. Und Bilder. Oh, oh. Bilder.

Nun ja, zusammenbauen bzw. reparieren kann ich ihn auch. Programmieren ist nicht meins, aber prinzipiell spricht doch schon viel dafür, dass der Freak, der im Nerd steckt, mir irgendwo innewohnt. Oder?

 

Kommen wir also zum Geek. Als solchen sollte ich mich bitte bezeichnen, denn das wäre, laut Schwarmwissen meiner Facebookfreunde, der korrekte Fachterminus. Den wir bitte nicht mit dem Geck(en) verwechseln, den ich bei Thomas Mann so gefressen habe.

 

Beim „geek“ lässt mich der Duden etwas im Stich und hilft mir nur mit Übersetzungsmöglichkeiten. Gut, man nimmt, was man kriegen kann. Ich präsentiere euch: geek[3]. Übersetzungen und Bedeutungen: fader Kerl, Langweiler(in), Kleidermuffel, Trottel, lästiger Kerl, komischer Typ, Computerfreak.

 

Huch, kommt mir irgendwie bekannt vor. Die beiden Figuren vom beschriebenen Bild sollten wohl die Kleidermuffel repräsentieren. Na gut. Wirklich schick war das nicht und ich gestehe hiermit: Ich bin modeinteressiert. Kein Fashion-Victim, keine Fashionista. Aber ich mag schöne Kleidung.

 

Fader Kerl. Herrje. Dazu müsste ich erst einmal mit der Geschlechterfrage auseinandersetzen, aber der Einfachheit halber sehe ich mich als ganzen Kerl, da ich mir mit dem Pudel meiner Tante, der schwarz war und sinnigerweise „Blacky“ hieß, mal sein Chappi geteilt habe. Fad finde ich mich nicht. Hm. Also kein Geek.

 

Langweilig? Oh je, das müsst ihr entscheiden, das klingt schnell nach Selbstbeweihräucherung, wenn ich sage, dass ich mich eigentlich unterhaltsam finde. Besonders nach einem Glas Wein. Ein Trottel bin ich definitiv nicht, da komme ich euch auch nicht mit Fishing for Compliments, das nehme ich noch nicht mal als Beleidigung auf, wenn man mich derart tituliert. Das ist einfach nur eine Fehleinschätzung. Komischer Typ … Komisch im Sinne von lustig – da überlasse ich euch das Urteil; seltsam bin ich auf jeden Fall. Nicht immer, aber phasenweise ganz bestimmt.

Ach, guckt mal. Da isser wieder. Der Computerfreak. Wer hätte das gedacht … Sag ich dazu jetzt noch was?

 

Man könnte meinen, der Duden weiß nicht, was er will. Den Geek mit dem Freak und dem Nerd zu verbinden, scheint auf den ersten Blick sinnbefreit. Dennoch ist das nicht falsch. Denn die Grenzen zwischen diesen Begriffen sind fließend. Wenn es sie denn überhaupt gibt. Die Definitionen schließen sich nicht aus und wer sich in einzelnen Aspekten wiederfindet, kann sich darin einschließen. Kurzum: Es ist Ansichtssache, als was man sich bezeichnet. Es steht nicht im Personalausweis. Nicht in den Steuerunterlagen. Nicht auf der Gehaltsabrechnung. (Pastafari leider auch nicht, aber das gibt mal irgendwann einen eigenen Blog-Artikel.)

 

Um den vier Herrschaften auf dem zitierten Bild ein Zuhause zu geben, weil wir ja alle so gern in Schubladen denken und ein Etikett für jeden und alles benötigen, labeln wir sie einfach mit: Menschen.

Hier dürft ihr es sein. (Und bäääääm, wieder Goethe untergebracht …)

 

Ihr wollt noch wissen, als was ich mich nun bezeichne, wenn ich es denn mal wieder etwas genauer haben möchte? N’Geak oder G’Frerd … da bin ich nicht wählerisch.

 

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[3] http://www.duden.de/woerterbuch/englisch-deutsch/geek, abgerufen am 08.08.2017

 

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