Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Einmal Spaghetti all’arrabbiata, bitte.

Wie aus mir, einer ehemals engagierten Christin, eine Ketzerin wurde, was das mit Essen zu tun hat und warum ich vor dem Höllenfeuer keine Angst habe.

 

Ich wurde getauft im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Ohne gefragt zu werden. Im Alter von wenigen Monaten. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Psalm 23,4 – Mein Taufspruch, so individuell wie geist-reich. Nun denn. Ich ging in einen konfessionellen Kindergarten und hatte dort sehr viel Spaß. Fand Freunde fürs Leben – okay, eher bis zum naturwissenschaftlich-neusprachlichen städtischen Gymnasium – und Gefallen an Liedern wie „Er hält die ganze Welt in seiner Hand“ und „Danke für diesen guten Morgen“. So weit, so 80er. Erste Unsicherheit befiel mein neugieriges Ich, als ich einen Kinderatlas in die Hände bekam und mein Papa mir die Länder auf dem Globus zeigte. Bis dahin war für mich die Erde ... na ja. Weder flach noch eine Kugel. Aber das mit den Säulen, dem Himmel und – überhaupt. Irgendwie hatte ich das anders in Erinnerung. Wo war denn das ganze Wasser, als Moses mit der Arche –?
Plötzlich ging am Globus das Licht aus und es gab Abendbrot. Viel schlimmer traf es mich allerdings, als im Kindergottesdienst davon die Rede war, dass Gott mein/unser aller Vater sei. Dabei hatten meine Eltern mir doch erklärt, dass sie sich ganz doll lieb hatten und ich dabei entstanden bin. Von Gott kein Wort.

 

Die Wahrheit ist irgendwo dort draußen.

Ich traute mich nicht, den strengen Mann im schwarzen Talar zu fragen, der schließlich eine moralische Institution war. Auch wenn ich diesen Begriff noch nicht kannte. Meine Eltern erklärten, dass das in der Bibel alles „nicht so gemeint“ sei. Dummerweise konnte ich mich selbst nie mit „hab ich nicht so gemeint“ rausreden und stellte immer mehr in Frage, ob überhaupt irgendwas so gemeint oder passiert war, wie es in der Heiligen Schrift stand. Meine Passion für dieses Thema ließ aber schnell nach, als ich auf wenig Antworten stieß und wurde im Religionsunterricht durch das Malen von Mandalas und ausgiebige Gesangstunden glattgebügelt. Inzwischen nahm ich hin, dass der Heilige Nikolaus zum Weihnachtsmann Coca-Cola-Style geworden war, das Christkind, welches durch die Hl. Drei Könige beschenkt worden war, an Weihnachten nicht die Geschenke brachte und es auch keinen Osterhasen gab. Letzteren hatte ich in der Bibel eh immer vergeblich gesucht. Erst mit dem Katechumenenunterricht bekam meine christliche Ader wieder frisches Blut. Wir lernten die Kapitel der Bibel auswendig, besprachen wichtige Passagen und debattierten über Sekten. Der früher so strenge Mann im Talar erwies sich als freundlich und tolerant, konnte super Kekse backen und schaffte es, die Ambivalenz von Evolution und Schöpfungstheorie ein wenig zu einer Annäherung zu bringen. Trotz der Skepsis meiner Eltern, die diesen Mann für eventuell pädophil hielten, man würde so viel munkeln im Dorf – Überraschung: der Zahnarzt war der eigentliche Übeltäter – bestritt ich nach meiner Konfirmation eine Weile lang den Kindergottesdienst und setzte mich sogar wissenschaftlich mit der Bibel auseinander. Ich verglich Übersetzungen und zog Sekundärliteratur hinzu, stritt und lachte mit den anderen Helfenden. Ich musste mich irgendwann entscheiden, ob und inwieweit ich die Gemeindearbeit fortsetzen wollte; in der Schule gab es ein reichhaltiges Angebot an Aktivitäten und ich hatte auch sonst mit den Anforderungen des Gymnasiums ... nun ja. Nicht zu kämpfen, aber zu tun.

 

 

Ich setzte eine Liste auf. Für und Wider.

Ich hatte Faust verschlungen, liebte Heavy Metal und Punk, hatte muslimische wie atheistische Freunde, entdeckte Sartre und Satire für mich. Ich hörte Opium fürs Volk und befasste mich lieber mit Akte X, statt mit dem Brief an die Epheser. Die Protestantin wurde zur Protestlerin. Am Ende blieb wenig auf Seiten der Kirche stehen, zumal mich erschütterte, wie es im Presbyterium zuging und wie wenig das alles nur noch mit Glaube zu tun hatte.  Erst im Philosophie-Unterricht begriff ich, dass gewisse Werte und Glaube zwar miteinander zusammenhängen konnten, aber keineswegs mussten. Über meine kindlichen Gedanken schmunzelte ich nur noch und tat sie als solche ab. Dabei offenbarten sie doch eigentlich eines der Kernprobleme. Glauben heißt nicht wissen. Lange Zeit dümpelte meine Religionszugehörigkeit so neben mir her, fand nur auf offiziellen Formularen Erwähnung und war schließlich Geschichte, als ich mit Beginn des naturwissenschaftlichen Studiums aus der Kirche austrat. Es passte nicht mit uns beiden. Mit mir und der Uni zwar auch nicht, aber manchmal braucht es eben jemanden, der einem den Anlass gibt, sich von etwas zu trennen. Frei nach Marie Kondo: «It didn’t spark joy in me».

 

Ach, Gott.

 

Meine erste [und einzige] Vermieterin, war eine strenggläubige, fromme Frau. Bibeltreu und mit Anfang siebzig bekennende Jungfrau. [Ich habe nie herausgefunden, ob sie noch auf die unbefleckte Empfängnis hoffte. Von ihrer Religiosität erfuhr ich auch erst nach Abschluss des Mietvertrages.] Es war nicht ganz einfach mit uns beiden; alle gottbezogenen Ausrufe [Ach Gott! Herrgott! Himmelherrgott ...] waren tabuisiert, aber da ich eigentlich nett und brav war, noch die ein oder andere Bibelstelle zum Besten geben konnte, hatte sie anfänglich wohl beschlossen, meine verirrte Seele zu retten. Sie wohnte im selben Haus, war glücklicherweise schwerhörig und ... den Rest überlass ich eurer Fantasie, «O Gott» kam in meiner Zeit dort aber häufiger zum Ausruf. Sie versuchte nach einer Weile freundlicherweise nicht mehr, mich zu missionieren. Aber sie fragte, was ich denn vor Klausuren täte, wenn ich schon nicht betete? Meine völlig überraschende Antwort: Lernen.

 

Das bringt mich auf eine weitere meiner Lieblingsfragen in diesem Zusammenhang.

 

Haben Sie eine Minute, um über Gott zu reden?

Klar, aber eigentlich führe ich Selbstgespräche nur vor dem Spiegel oder auf dem Klo. Aber reden wir über Gott. Ob das Wort nun vom indogermanischen *ghuto oder *gheu abstammt (was anrufen bzw. gießen bedeutet), mag nicht hinlänglich geklärt sein. Spannend finde ich in diesem Zusammenhang bloß, dass die germanische Bezeichnung *guda (Gott) grammatisches Neutrum ist. Warum mich das so freut, erschließt sich anhand meines Artikels zum Thema Gendern. Eigentlich ist es mir aber schnurz, die gemeinsame Entstehung von Materie, Raum und Zeit, bis dahin eine ursprüngliche Singularität, trug vermutlich weder einen weißen Rauschebart, noch hatte sie Brüste oder eine Klitoris.
Die oben angefragte Minute ist vermutlich verstrichen. Kehren wir zurück ins Hier und Jetzt. Also:

 


Verehrte Leserschaft, etwas Göttliches wohnt uns allen inne, fernab jeglicher Transzendenz. Wir alle sind Schöpfende und anbetungswürdig, jeder auf seine eigene Art und Weise.

Ergo: Es geht auch ohne.

 

[Nein, nicht ohne Kondome.]

 

Je länger ich konfessionslos war, desto ketzerischer wurde ich und umso mehr wuchsen meine Toleranz gegenüber anderen Weltanschauungen und meine Abneigung gegenüber Dogmen. Yeah. Mir fehlte mehr und mehr das Verständnis für die älteren Herren in den langen Gewändern und ihre mittelalterliche Sicht der Dinge. Missbrauchskandale, Prunk und Protz – während in den zu missionierenden Ländern immer noch Hunger und Elend herrschten. Bigotterie wo man hinsah und am liebsten die Augen verschloss. Ich ließ selten ein gutes Haar an der Kirche bzw. dem Christentum, besonders mit wachsender Kenntnis um Ekklesiologie und Kirchengeschichte. Danke, aber nein danke. Es gab für mich keine Argumente, das wieder anzunehmen, zu meinem Begleiter werden zu lassen und schon gar nicht an dieser Front zu kämpfen. Die Probleme der Menschheit ließen sich sicherlich auch anders lösen als mit «das ist anders gemeint».

 

 

Pastafari for life

Im Internet – dem Tor zur Hölle – stieß ich dann auf den Pastafarianismus. Man glaubt an ein Fliegendes Spaghettimonster, isst jeden Freitag Pasta und im Jenseits gibt es einen Biervulkan. Der Darwin-Fisch ist das Erkennungszeichen der Jünger, alle anderen Religionen werden gleichwertig und gleichrangig behandelt – wir ziehen sie alle durch die Bolognesesauce. Kondome werden ausdrücklich empfohlen, freie und Nächstenliebe gelebt. Als Kopfbedeckung wird ein Nudelsieb getragen. Satire als Glaubensbekenntnis – mein spirituelles Leben nahm wieder Fahrt auf. «Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.» Sprüche 16,09 – mein selbst gewählter Spruch zur Konfirmation. Wenn man so will, war der Konfessionswechsel gottgewollt.

 

 

 

 

Pastafarians just wanna have fun.

Ob ich nie zweifle?

Hm. Ich bin im Privatleben fast ausschließlich von [Natur]wissenschaftlern und/oder anderen Agnostikern umgeben, was die Berührungspunkte mit dem Thema Glaube auf Social Media und Nachrichten reduziert, wo ich mich für gewöhnlich aber diesbezüglich eher zurückhalte. Generell zweifle ich aber eher an dem Mehrwert, den Glaube mir bringen soll.

Mir sind mehr Textstellen über einen zu fürchtenden Gott bekannt, als über seine Güte und Milde [vor allen Dingen in Hinsicht auf diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten]. Sollte ich dafür also irgendwann tatsächlich in die Hölle kommen, vor der ich als Kind echt tierisch Schiss hatte, kenne ich dort wenigstens einen Haufen netter Leute, mit denen man sich gut unterhalten kann. Falls die nicht da sind, sollte immerhin die Temperatur dort reichen, um eine vernünftige Portion Nudeln zu kochen.

 

 

Wenn ich dann und wann überlege, ob ich der christlichen Kirche noch eine Chance geben soll, blicke ich Richtung Vatikan bzw. Hannover, sehe die vielen alten weißen Männer und lese ein oder zwei Artikel zu ihrem Glauben. Dem Glauben, wie man mit ungewollt Schwangeren umzugehen hat. Dem Glauben, was man mit Kirchensteuern tun sollte. Dem Glauben an Heteronormativität und binäre Geschlechtlichkeit. Dann geht’s wieder.

 

RAmen.

 

 

 

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