Ich gendere, also bin ich. – Und wenn ich nicht gegendert werden kann, was dann?

Mir geht es schlecht mit dem Geschlecht. Dem, das in der Sprache fehlt. Das nicht eines ist, sondern viele. Und welches in der Genderdebatte gern vergessen wird.

 

Achtung, Achtung: Frau Schwarz schwingt die Moralkeule. Auch gegen den eigenen Dickschädel. Und sie wirft wieder mit Fremdwörtern um sich. Die sie aber erklärt. Und verlinkt. Also: Los geht's.

 

Das Thema Gendering ist ja leider omnipräsent und daueraktuell. Und es hat einen hohen Nervfaktor für mich. Warum? Ich arbeite mit Sprache. Nicht mit Bildern oder Skulpturen. Mein Medium sind Worte. Die darf jeder benutzen, sie sind ganz hilfreich, um durchs Leben zu kommen, aber man kann auch ziemlich viel in sie interpretieren. Je nachdem, wie man einem Wort gegenüber eingestellt ist, kann es nett sein, schön, neutral, aber auch verletzend.

Ich bin Autorin.

 

Ein Satz, den ich problemlos sagen und auch so stehen lassen kann. Ich bin weiblich und schreibe. Passt also. Wieso fühle ich mich dann angesprochen, wenn ein Beitrag mit «Autoren können immer seltener von der Schriftstellerei leben» betitelt ist?

Es geht um meinen Berufszweig. Über das Thema «Vom Schreiben leben» habe ich auch schon mal einen Artikel verfasst. Also hat der Beitrag allein schon deswegen meine Aufmerksamkeit.

 

Aber er inkludiert doch Autorinnen nicht?

 

An dieser Stelle kommt mein Unverständnis ins Spiel. Für mich ist klar, dass hier nicht der Sexus gemeint ist, also das biologische Geschlecht, ein männlicher Autor. Der Genus, das grammatikalische Geschlecht, kann nämlich alle Geschlechter abbilden und dennoch eine männliche, weibliche oder sächliche Form haben.

Die letzten drei Sätze noch mal lesen. Sacken lassen.

 

Übersetzt heißt das:

 

«Autoren» meint alle weiblichen, männlichen und intergeschlechtlichen Schreibenden. Dass sich für diese Verallgemeinerung das Maskulinum eingebürgert hat, liegt aber nicht nur daran, dass es kürzer ist. Wer sich näher mit dem generischen Maskulinum beschäftigen mag, sieh und staune hier.

Der aufmerksame Leser hat nun längst bemerkt, dass also «Autoren und Autorinnen» diskriminierender wäre als nur «Autoren» oder gar ausschließlich «Autorinnen», wie es manche Feministinnen fordern. (Hier bitte vorstellen, wie ich augenrollend am Schreibtisch sitze ... Es gibt übrigens ein unglaublich schlecht gescriptetes und gespieltes Video von Bento, über das, was passiert, wenn Männer mit der femininen Form angesprochen werden. Ich möchte weinen.)

Die Bemühungen, stattdessen Autor* oder Autorixe zu etablieren, sind aber leider auch so ehrenwert wie sinnlos.

 

Warum?


Sprache entwickelt sich und man kann mit diesen Veränderungen leben lernen. Was aber sperrig klingt, gelesen oder gesprochen, hält sich nicht lange. Ganz einfach. Sprache will und wird es nie allen recht machen. Sie lässt sich nur schwer oktroyieren.
Wo nun der Konsens [den man mögen kann oder nicht] «Autoren» lautet, mangelt es an einer anderen Stelle eklatant an den richtigen Worten. Nämlich dann, wenn Schreibende versuchen, intergeschlechtliche Menschen mit Pronomen anzusprechen bzw. über sie zu schreiben. (Was mein Augenrollen über die Feministinnen auch näher erklärt.)

 

Wovon redet sie?

 

Das Bundeskabinett hat die dritte Option nun offiziell bestätigt und zur Eintragung in Personenstandspapieren zugelassen. Wer weder männlich noch weiblich ist, hat also endlich die Möglichkeit, das auch schriftlich bestätigt zu wissen. [Es gibt nach wie vor Kritik an diesem Beschluss. Wer sich damit weiter auseinandersetzen möchte, folge bitte dem Link.]


Intergeschlechtlich zu sein, ist übrigens keine psychische Störung, kein Defekt, keine Krankheit. Nie gewesen. Auch wenn die Medizin das gern pathologisiert, sind wir zumindest juristisch einen kleinen Schritt weiter. Linguistisch leben wir aber immer noch hinter dem Mond.

 

Weil?

 

Wie sprechen wir intergeschlechtliche Menschen an? Wie schreiben wir über sie? Wir haben «er» und «sie» — sind diese Menschen dann «es»?

 

[An dieser Stelle verzichte ich auf Zitate und Werbung für «Wir und Es».]

 

Pause.

 

Als ich diesen Artikel zu schreiben begann, wurde ich ungefähr hier zu einer Zwangspause verdonnert. Ich hatte einen Teil vorab als Bild bei Facebook gepostet und bin daraufhin mal wieder vom Hölzken auffet Stöcksken gekommen, wie man hier so schön sagt. Anstatt also meinen Streifen durchzuziehen und diesen Artikel zügig unter 1.000 Wörtern zu Ende zu bringen, grub ich mich tiefer in Recherchematerialien ein und fand bei der Organisation Intersex International Germany eine hilfreiche Broschüre, die mich jedoch innehalten ließ.


Dort war immer wieder von Inter* die Rede, also geschrieben als Nomen mit Asterisk, dem Sternchen, das ich noch wenige Stunden zuvor beiseite gewischt hatte.
Nun gut, eine Organisation, die sich eben genau damit beschäftigt, welche Begrifflichkeiten nicht verletzend sind, welche Unterscheidungen gemacht werden müssen und wie man mit Zweifelsfällen umgeht, sollte es wissen.


Und da stand ich nun. Die Gegnerin des Sternchens. Und dachte mir: Ach, das * lässt du einfach weg. Tut doch niemandem weh. Mit der Nutzung von «Inter» hast du doch schon mehr richtig gemacht, als viele andere.
Aber das mit dem Sternchen hat einen Haken. Es steht für die Diversität innerhalb der Inter*.

 

Hä?

 

Nicht alle Inter* sind in gleicher Art und Weise intergeschlechtlich. Stehen alle Frauen auf pink? Finden alle Männer Autos gut? Nein. Natürlich kann man nun sagen: Dann müsste es auch Frauen* und Männer* heißen. Diese Wörter gibt es aber schon so lange, dass man ein Bild vor Augen hat – ein vielfältiges. Unterschiedlichste Frauen und Männer, die man mal mehr mal weniger gut stereotypisieren kann, aber die eben in das klassische, binäre Denkmuster passen. (Ich finde den Satz sowie die Art so zu denken auch sehr hässlich, aber er beschreibt ganz gut, was in unserem Kopf vorgeht, wenn wir an die Worte «Männer» und «Frauen» denken.)


Inter* ist ein Begriff, der aus der Menschenrechtsbewegung heraus entstanden ist, die Schreibweise [gesprochen wird das Sternchen nicht] ist ein Symbol für «die Vielfalt innergeschlechtlicher Realitäten».
Spätestens mit diesem Satz habe ich vermutlich einen Teil meiner Leser verloren. Ich weiß. Es ist schwer vorstellbar, noch schwerer nachzuvollziehen und irgendwie ... absurd?

 

Ja, es ist absurd, ...

 

... dass wir bei Geschlechtern (und hier meine ich Sexus wie Genus) ausschließlich in männlich und weiblich denken und leider immer noch viel zu wenig darüber aufgeklärt sind. An dieser Stelle empfehle ich die Seite Genderdings, die hervorragende Arbeit leistet, sowohl Videos als auch Texte bereitstellt, die allen Aufgeschlossenen einen guten Eindruck von der Diversität der Geschlechter vermittelt. Den unaufgeschlossenen Lesern, die es bis hierhin durchgehalten haben (Respekt! Und danke dafür!), empfehle ich die Seite umso mehr.

 

Damit komme ich zurück auf die Eingangssituation dieses Artikels, in der ich genervt vor dem Laptop sitze und mir der Hirnschmalz hart wird [ha-ha, sie hat «hart» geschrieben], weil ich nicht weiß, wie ich Inter* anreden bzw. umschreiben soll.
Es gibt Inter*, die es okay finden, sich als «es» zu bezeichnen und so bezeichnet zu werden; es sind aber die wenigsten, mit denen ich gesprochen und über die ich gelesen habe. Also kann ich davon ausgehen, dass «es» eher negativ behaftet ist.


Was mir bei der Recherche klar wurde: In vielen Fällen fühlen sich Inter* entweder dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugehörig, weil sie zwar mit Variationen körperlicher Geschlechtsmerkmale geboren werden, aber sich durchaus mit einem Geschlecht identifizieren können und dieses fühlen und leben.
Inter* ist also nicht «das dritte Geschlecht™» sondern erfasst alle körperlichen Realitäten sowie Geschlechtsidentitäten, unter die auch die Non-Binärität fällt. Sprich: Menschen, die sich außerhalb von männlich und weiblich identifizieren. Sich selbst bezeichnen sie zuweilen als Neutrois oder Null-Gender. [Ich hoffe, ihr seid noch bei mir.] Um es vereinfacht und dennoch möglichst korrekt zu beschreiben:

 

Vor euch steht ein Mensch.

 

Dieser Mensch hat unter Umständen Mobbing, Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen, wie z.B. uneingewilligte geschlechtsverändernde Eingriffe erlebt.

Dieser Mensch entsprach schon vor seiner Geburt nicht der geltenden Norm für männlich oder weiblich. Schlimmstenfalls hat man seine Eltern dazu gedrängt, das Geschlecht der größtmöglichen Wahrscheinlichkeit anzugleichen. Denn mehr als Rätselraten und Vermutungen sind es nicht, aufgrund derer diese Säuglinge ein Geschlecht zugewiesen bekommen, nur um ins Raster zu passen. Es werden Körperteile amputiert und/oder modelliert, ohne das Kind gefragt zu haben. Es könnte ja eh nicht antworten.


Würde man das einem Erwachsenen ohne Einwilligung antun, wäre diese Verstümmelung eine schwere Körperverletzung [Strafmaß je nach Beeinträchtigung der Person sechs Monate bis zu zehn Jahre]. Ein Vabanque-Spiel, das in den seltensten Fällen gelingt und daher dazu geführt hat, dass eine zentrale Forderung von Inter*-Organisationen das Verbot uneingewilligter medizinischer Eingriffe bei intergeschlechtlichen Kindern ist.

 

Aber was denn nun, wenn Kim Müller nicht als Frau oder Mann lebt, sondern als Kim Müller?

 

Stellen wir uns vor, Kim hat sich in unserer Firma beworben. Und Kim hat zu verstehen gegeben, Inter* zu sein und non-binär, also weder weiblich, noch männlich.

 

«Guten Tag, Herr Müller, schön Sie kennenzulernen.» Möööööp.
«Frau Müller, nett Sie zu treffen.» Mööööööp.
Was im Brief noch recht einfach, wenn auch holprig, mit «Guten Tag, Kim Müller! Wir freuen uns, dass Sie bei uns anfangen ...» funktioniert, wirkt gesprochen seltsam.

Es rollen in der Regel nicht sofort Köpfe, wenn sich jemand in der Anrede oder mit den Pronomina verhaspelt. Wohlgemerkt: Verhaspelt! Wer grundsätzlich die falsche Anrede verwendet, übt damit eine schwere Diskriminierung/Mobbing aus.

 

«Hallo Inter Müller, kann ich Sie mal was fragen? Wie fänden Sie das, mit Inter statt Herr oder Frau angesprochen zu werden?»


Sich zu duzen, natürlich nicht ungefragt, erleichtert die Sache ungemein, das hat der angelsächsische Sprachraum uns in bestimmten Punkten voraus. Aber auch er kennt nur Mrs. bzw. Ms. und Mr., bei den Personalpronomina bleibt es ebenfalls bei der Trias he, she, it. Wenig Lernpotential auch im Spanischen, da gibt es grammatikalisch nur männlich und weiblich. Im Schwedischen existiert das neutrale «hen» und ich schiele mal rüber ins Türkische, wo es bei Substantiven kein grammatisches Geschlecht und auch keine Artikel gibt. Aber dafür auch das Wort «intergeschlechtlich» noch nicht. [Es gibt das Präfix «arası», welches inter- bedeutet, als Wort im Wörterbuch fehlt intergeschlechtlich jedoch noch.] Irgendwas ist also immer ...

Natürlich kann ich jetzt alle Sprachen der Welt durchleuchten und nach einem Wort suchen bzw. einer Art und Weise, Inter* sinnvoll und angemessen in meinen Sprachgebrauch zu integrieren. Ich kann aber auch die Vermeidungsstrategie fahren und konsequent Sätze so bilden, dass ich «er» und «sie» nicht mehr benutze, wenn es um Inter* geht.


«Als ich Kim davon erzählte, glänzten die Augen.»
«..., glänzten Kims Augen.»
«..., konnte ich den Glanz in den Augen sehen.»

 

Für mich liest sich das etwas holprig. Vielleicht muss ich mich auch nur daran gewöhnen? Wie vermittle ich meinen Lesern, dass ich meine Inter*-Romanfigur respektvoll behandle, indem ich so schreibe?
Natürlich habe ich als Autorin die Möglichkeit, meine Romanfigur sagen zu lassen: «Ich bin Kim, ob Sie ‹er› oder ‹sie› benutzen, ist mir egal.» Oder: «Ich möchte mit ‹sie› umschrieben werden». Damit entspreche ich aber nur der aktuellen Realität und bilde ab, dass Inter* sich in Pronomina quetschen müssen, in die sie nicht gehören.
«Als ich Kim davon erzählte, dass ich ernsthaft versuche, Pronomen für Inter* zu finden, glänzten inters Augen.»
Auch wenig gefällig und hindert den Lesefluss.
Eine Auswahl an vorhandenen, genderneutralen Pronomina findet man in [überwiegend] sachlichen Texten, als da wären: er_sie, sie_er, sier und xier.
Versuchen wir es:
«Als ich Kim davon erzählte, dass es sowas gibt, glänzten xiers Augen.»


Wenn man will, ist es nur eine Vokabel.

 

Im Vorgespräch über diesen Artikel äußerte eine Leserin, dass sie für die Abschaffung der Anrede «Frau» und «Herr» ist, da sie diese für antiquiert und diskriminierend hält, «das ‹Fräulein› ist ja auch schon passé». Ein Ansatz, den auch der Menschenrechtsbewegung verfolgt, indem sie die oben bereits erwähnte Vielfältigkeit der menschlichen Körper hervorhebt und das Thema Geschlecht von diesen entkoppelt. Schließlich weiß doch jeder Mensch selbst am besten, wer xier ist.

Im Dialog mit einer non-binären Person gebietet es übrigens der Respekt, die von ihr bevorzugte Anrede zu verwenden. 

 

Und nun?

 

Hier kann ich nur meine Meinung bzw. persönliches Empfinden ausdrücken, da ich mich nicht in der Position sehe, Ratschläge zu erteilen. Mir persönlich gefällt «xier» sehr gut, es klingt nicht sperrig und ist auch optisch runder als die anderen. Wo ich als Autorin die Wahl habe, wird es dieses Wort sein.

Aber kann ich komplett genderneutral schreiben? Kurzgeschichten, Romane? Wie klingt das? Wer will das lesen? 

Ich lasse es auf einen Selbstversuch ankommen und werde euch beizeiten das Ergebnis präsentieren.

 

Inter*, die sich von der Kongruenz von Genus und Sexus freimachen, kommen ihrem Umfeld sprachlich enorm weit entgegen. Im offenen Diskurs darüber wird sich sicherlich beizeiten eine Strömung entwickeln, die es vermag, unsere Sprache für die Kommunikation mit und über Inter* weiterzuentwickeln.
Was ich daher beibehalten werde, ist die Schreibweise Inter* und die Mitarbeit daran, aus dem binären Denken zu einer lebhaften Sprache gelangen, welche die Diversität angemessen und wertschätzend wiedergibt.

 

(Vielen Dank an Marcus und meine Testleserin, die diesen Text vorab gelesen und mir Feedback dazu gegeben haben!)

Edit, 26.01.2019, 20:37 Uhr: Wer sich weiter mit der Entwicklung und den Möglichkeiten auseinandersetzen möchte, schaut gern mal bei Anna Heger vorbei!

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Dirk Dietzelt (Samstag, 26 Januar 2019 18:30)

    Puhh ... zugegeben ein sehr komplexes Thema, für das es wohl erstmal keine eindeutige Antwort gibt .
    Es braucht wohl auch Erfahrungwerte, im Umgang mit evtl. neuen Anreden.
    Da es ja auch etwas sehr persönliches ist, wie man als weder Frau noch Mann angesprochen werden möchte, oder wichtiger sich angesprochen fühlt .
    Ich finde es wichtig das Menschen die sich weder als Frau noch als Mann fühlen anerkannt sind und gesehen werden !

  • #2

    Larissa Schwarz (Samstag, 26 Januar 2019 18:36)

    Danke, für deinen Kommentar!

    Ich finde auch, dass [gegenseitiger] Respekt das oberste Gebot ist. Damit ist schon viel erreicht.

    Auch wenn das Thema noch ein bisschen in den Kinderschuhen steckt, da es noch keinen allgemeinen Konsens bzw. noch keine allgemeine Akzeptanz gibt, bin ich um jeden froh, der offen und konstruktiv damit umgeht.

    Ich bedaure es sehr, dass viele Menschen es einfach beiseite wischen, da gefühlt nur eine Minderheit davon profitiert — letztlich sind es aber wir alle.