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Kein Kaffee ist auch keine Lösung? – Wie aus mir, einer überzeugten Kaffee-Genießerin, ein Ex-Junkie wurde.

 

 

»Frau Schwarz, Ihr Hb ist zu niedrig. Das mit der Blutspende wird heute nix.«
Eigentlich nichts, was mich beunruhigt, aber an diesem Tag, dem 31.10.2019, hat es mich echt geärgert. Ich hatte mir die Zeit genommen zum Blutspendezentrum zu fahren, hatte viel getrunken und gut gefrühstückt. Und dann war mal wieder der Hämoglobin-Wert in meinem Blut zu niedrig. Aus der Fingerkuppe schon leicht unter der Untergrenze, venös dann noch 1 g/dl weniger und damit war ich nicht spendefähig. Was mich am meisten störte, war aber nicht die »vertane Zeit«, sondern die Tatsache, dass ich mit meiner verhältnismäßig seltenen Blutgruppe A negativ leider keinen lebensrettenden Beitrag für jemanden leisten konnte.

»Haben Sie viel Stress, schlafen Sie schlecht?«
»Hm, nicht mehr oder weniger als sonst ...«
Mein Hb ist immer verhältnismäßig niedrig, selten über 12,8 gewesen. Ich weiß, dass ich auf den Zeitpunkt im Zyklus achten muss, was ich essen sollte und –
»Trinken Sie viel Kaffee?«
»Relativ ...«
»Dann schrauben Sie das mal etwas runter und nehmen ergänzend diese Eisentabletten. Wir kontrollieren das in vier Wochen, dann sollte es wieder gehen.«

 

C-a-f-f-e-e, trink nicht so viel Kaffee.

 

Örks. »Runterschrauben«, hat sie gesagt. Und ich war in dem Moment froh, dass sie mich nicht gefragt hat, wie viel ich wirklich trinke. Mir war selbst schon aufgefallen, dass ich in den letzten Wochen mehr und mehr Kaffee zu mir genommen hatte. Meine Tasse wurde von morgen 5 Uhr bis abends 19 Uhr quasi nie leer. Auf zwei, zweieinhalb Liter brachte ich es regelmäßig. Runterschrauben würde zwar meinem Hb helfen, aber ich wusste, dass es nur die Option »ganz oder gar nicht« gab. Nachdem ich für das Lauftraining vor drei Jahren schon einmal einen Entzug gemacht hatte, war mir klargeworden, dass ich mich nicht auf ein oder zwei Tassen täglich beschränken konnte.
Selber Tag, High Noon. Einen letzten Kaffee trank ich noch im Café, aß dazu ein Hörnchen mit Marmelade und studierte in vorsorglicher Neugier schon mal die Teekarte.

Örks. Nicht, weil ich Tee nicht mag. Aber in der Mehrzahl der Cafés gibt es nur eine mickrige Auswahl an [örks] Beuteltees, meistens auch nur Schwarztees und Pfefferminz, selten mehr als einen Früchtetee. Wehmütig dachte ich an die vorzügliche Tea Time auf Schloss Anholt und kramte zu Hause erst mal wieder die Feinwaage und das Teesieb raus. Immerhin war ich vorbereitet.


Auch auf die Kopfschmerzen, die am frühen Abend einsetzten. Nicht diese leichten, als hätte man mir mit dem Hämmerchen eins übergebraten. Eher wie bei einer Migräneattacke.

 

Obwohl ich mich übel fühlte, begann ich auf Twitter, meinen Entzug zu protokollieren. 

 

»24 Stunden kalter Entzug. Wehe dem, der es wagt, hier Kaffeeduft zu verbreiten!«
Ein unvorteilhaftes Bild von mir mit einer Tasse Tee, der eher wie Eigenurin aussah, belegte mein Leiden. Um mich abzulenken, fragte ich nach Alternativen, denn irgendwie musste ich die zwei Liter kompensieren und wollte nicht nur nichts auf der Zunge schmecken.


»27,5 Stunden. Mit Kopfweh aus der Hölle und lethargisch bis in die Haarspitzen war ich eine Stunde am See spazieren und würde jetzt gern was Warmes trinken. Aber was? Ich mag keinen Süßstoff, der in vielen Tees ist, Zimt ist auch eher so semi, fermentiert geht auch nicht. Menno.«
Ich bekam tolle Tee-Empfehlungen, man riet mir zu Brühe und heißer Zitrone mit Ingwer. Etwas später hatte ich mich dann mit zehn neuen Sorten eingedeckt und musste mich dann auch zudecken, da ich plötzlich schüttelfrostähnliche Symptome bekam. Nichts, was mir fremd war, aber so heftig hatte es mich beim ersten Entzug nicht gepackt. Also ab ins Bett, Augen zu und durch.


»Zweiter Morgen ohne Kaffee. Die Katze stand an der Terrassentür und hat höflich abgelehnt, reinzukommen. Sie lässt sich ja sonst auf jeden Ärger ein, aber Zombiefight ist nicht so ihrs. Sie steht jetzt an der Haustür und wartet darauf, dass Der Mann die Zeitung reinholt.«


Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Kopfschmerzen mit Paracetamol betäubt, was sie im Zaum hielt, aber mich doch nicht ganz vergessen ließ, was ich da gerade durchmachte.

 

 

»72 Stunden ohne Kaffee. Kein Jieper, keine Kopfschmerzen mehr. Dafür aber das Gefühl als hätte ich Grippe bekommen. (Ich hatte Influenza B. Ich weiß, was ich schreibe.) Und was bleibt ist die Frage: Was hab ich mir da die ganze Zeit angetan?«
Auf twitter kommentierte das ein mir folgender Anästhesist mit »Hach, was ein schöner cold turkey«, und ich musste herzlich lachen. Ein bisschen hatte mich das alles schon an die Beschreibungen von Christiane F. in »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« erinnert. Aber ein Koffeinentzug konnte ja nicht so krass sein wie der von Heroin oder Kokain.


Ich torkelte, japste und hatte Gliederschmerzen aus der Hölle. Es fühlte sich an wie Grippe und Migräne zusammen. Mein Appetit war dennoch normal, die Konzentration eher mäßig. Ich schwitzte ekelerregend viel und ging mehrmals täglich duschen. Tagsüber hatte ich mit Kurzatmigkeit und Herzrasen zu kämpfen. Zu allem Überfluss stand mein Ü35-Check beim Hausarzt in anderthalb Wochen an. Wobei ich bis dahin wahrscheinlich mit dem Entzug durch war und man das vielleicht auch schon an den Blutwerten sehen konnte. Ich schlief in diesen Tagen außerordentlich viel, musste mich aber nur ein einziges Mal ermahnen, nicht reflexartig zum Kaffee zu greifen, um »besser wachzubleiben«. Der physische Entzug machte mir wesentlich mehr zu schaffen als der psychische.

 

Rome wasn't built in a day.

 

»Der vierte Tag ohne Kaffee geht zu Ende. Die grippeähnlichen Symptome werden stündlich weniger, ich habe etwas besser geschlafen als in den Nächten davor. Allerdings krasse Alpträume gehabt seit Donnerstag und die durchgeschwitzte Bettwäsche zweimal gewechselt. Alles in allem aber merke ich schon, dass dieser Reset richtig war. Zuletzt wurde ich nur noch müder von Kaffee und hab ihn getrunken wie Wasser. Ich fand es immer lustig zu sagen, ich sei ein Kaffee-Junkie – inzwischen kommt mir das ziemlich dumm vor.«


Scham gehört irgendwie auch dazu. Weil ich das ewig lange verharmlost hatte, weil ich mich in diesen Entzug so reingesteigert hatte und ihn öffentlich erlebte. »Ist doch nur Kaffee«, dachte ich immer. »Der schadet nicht so wie Alkohol, Nikotin oder andere Suchtmittel.« Kaffee ist gesellschaftlich anerkannt. Er stinkt nicht, man kann sich gesellig zu ihm verabreden, er wärmt ... der tut doch nix, der will nur spielen.
Was mich dann aber verblüffte: Im ICD 10 wird unter F15 explizit Koffein mit aufgelistet, auch der Entzugskopfschmerz wird hier geclustert unter G44.83.


Ich neige nicht dazu, Symptome oder Krankheiten zu googeln, hier fand ich es aber recht spannend und erkannte, wie beim Barnum-Effekt, meine ehemalige Abhängigkeit bestens wieder. Die Anzeichen liste ich hier bewusst nicht auf, ihr könnt sie gern bei Wikipedia nachlesen.
Für mich war interessant zu sehen, dass ich mir diese Entzugserscheinungen nicht einbildete bzw. übertrieben empfand. Ich wurde mir aber auch der Tatsache bewusst, dass das mit dem vielen Kaffee vielleicht auch medizinisch nicht so harmlos und pfiffig und leger war, wie ich immer dachte.
Da war dann auch keine Koketterie mehr, sondern nur noch ein schlechtes Gewissen. Kaffee mag zwar als Suchtmittel weniger gefährlich und schädlich sein als andere, aber mit einer Sucht Gefallen zu erregen suchen, ist schon ziemlich dämlich, wie mir im Nachhinein bewusst wurde. Sie zu verharmlosen noch mehr.

Party-Time

 

»6,5 Tage ohne Kaffee. Ich schlafe besser. Und zwar nur noch nachts, kein Mittagsschlaf mehr nötig. Kopfweh kam noch mal kurz zurück, ging aber auch gleich wieder. Kein Heißhunger, kein Jieper. Keine Alpträume mehr. Kreislauf stabil, Augenringe weg. Konzentration kehrt zurück. Yippie.«

 

Tag 8. Mein Mann ist mutig und macht die ersten Witze über meine Abstinenz.

Er: Du trinkst jetzt gar keinen Kaffee mehr. Oder?

Ich: Ja. Wieso?

Er: Ich muss dringend Arabica-Kaffee shorten, solange das noch Insiderwissen ist. Der Kaffee-Weltmarkt wird zusammenbrechen. Die Peruaner werden dich zum Staatsfeind Nr. 1 erklären un—

Oh. Da hatte er plötzlich ne Beule. Ups.

 

»Tag 10: Mir graute ein wenig vor heute. 2 Stunden Autofahrt und 4 Stunden Arbeitskreis-Sitzung — das 1. Mal ohne Kaffee unter lauter Kaffeetrinkern. Und was war? Nix. Keine Gelüste, volle Konzentration und zum 1. Mal keine Kopfschmerzen danach. Jetzt sogar Energie für Nachbereitung übrig.«

Es ging mir täglich besser, die Müdigkeit über Tag, die ich sonst mit Kaffee ausgeglichen hatte, gibt es nicht mehr. Der Kaffee steht gleichberechtigt neben Tee, Honig und Kakao im Küchenschrank, ohne dass ich ihn anschmachte. Selbst wenn ich für meinen Mann oder Besuch Kaffee zubereite, juckt mich das nicht. Zwar vermisse ich ein bisschen den Abschluss des gemeinsamen Abendessens mit einem Espresso, aber inzwischen kann ich auch einfach so am Tisch sitzen und mich unterhalten, wenn mein Mann ihn verzehrt.

 

Doc-Check

 

Vierzehn Tage nach meiner letzten Tasse Kaffee sitze ich zum zweijährlichen, planmäßigen Gesundheitscheck bei meinem Hausarzt. Blut, Urin, Ultraschall, EKG. Wir kennen uns seit Ewigkeiten, er hat auch ein paar andere Familienmitglieder als Patienten und so ist das Gespräch recht vertraut, ich erzähle ihm während des Abdomen-Ultraschalls vom Koffeinentzug und seinen Folgen. Er lacht. Meinen Organen geht es prima. Aber er befürwortet meinen Entzug so oder so. »Keine Sucht ist auf Dauer gut.«

Wir orakeln witzelnd über die Laborwerte, die er mir in ein paar Tagen zum zweiten Termin mitteilen würde. Beim Verlassen der Praxis ist mir ein wenig mulmig. Ich kenne meinen Körper ganz gut und höre auch auf ihn. Wenn er etwas lauter brüllt, dass ich kürzer treten sollte. Aber immerhin habe ich eine exzellente Bauchspeicheldrüse und eine fantastische Bauchaorta. Wenn ich schon kein Blut spenden darf, dann wären wenigstens meine Organe brauchbar.

 

»Neunzehn Tage ohne Kaffee und ich habe das erste Mal davon geträumt, einen zu trinken. Vor mir stand die allerhässlichste Tasse. Beim Geruch fand ich ihn noch geil, als ich aber mit der Zunge an die Plörre stieß, wurde mir übel. Was lecke ich auch am Kopfkissen ...«, twittere ich und stelle beim Zähneputzen fest, dass meine Zähne langsam weißer werden. 
Nachmittags sitze ich wieder beim Hausarzt. Schilddrüsencheck, BMI, Auskultation. Er hätte gern mehr oder eigentlich nur Patienten wie mich, sagt er und schwärmt von meinen Cholesterinwerten. Natürlich sagt er es nicht, aber wir beide wissen, dass diese die Achillesferse meiner Familie sind. Ich vergesse beinahe zu fragen. Mein Hb liegt bei 12,8.

 

 

Echt jetzt?

 

»Tag 21: Gestern Nachmittag kam der Mann mit einer großen Tasse Kaffee ins Arbeitszimmer, duftete es damit voll und ist seitdem verschwunden. Ich kann mir das gar nicht erklären ...«, witzele ich auf Twitter. Prinzipiell weckt der Duft keinen Kaffeedurst mehr, ich fange auch nicht an zu sabbern wie der Pawlosche Hund, aber so ein kleiner Seufzer entfährt mir dann immer noch, wenn ich überraschend Kaffee rieche.

 

In der Zwischenzeit war ich bestimmt zwanzigmal von Freunden, Familie und im Café gefragt worden, ob ich einen Kaffee wollte. »Danke, nein. Ich trinke keinen Kaffee mehr.«
»Wie? GAR KEINEN?« Durch die Bank. Alle.
»Ja, einfach keinen Kaffee mehr.«
»Wie kann man den keinen Kaffee mehr trinken, wenn man so viel Kaffee getrunken hat wie du!?«
»Es geht.« Und je nachdem, wie groß das Interesse beim Gegenüber ist, erkläre ich die Hintergründe oder belasse es bei einem Augenzwinkern und bitte um einen nicht-fermentierten Tee oder ein Wasser. Ich verstehe, dass dieses »von zweihundert auf null« für viele nicht nachvollziehbar ist.

Genauso wie ich seinerzeit immer Läufer belächelt habe, die sonntagmorgens um den Rotbachsee joggen. Keine zehn Pferde würden mich dazu kriegen, dachte ich immer. Inzwischen weiß ich sogar, wem ich auf welchem Kurs zu welcher Zeit begegnen könnte, wer wie grüßt und wer einen neuen Hund hat. [Keine Angst, dieser Artikel mutiert nicht zum Motivationsbuch, davon gibt es schon genug.]

Für mich ist aber diese radikale Art, ganz oder gar nicht, wesentlich leichter, als es mit einer oder zwei Tassen am Tag zu versuchen. Es möge bitte niemand glauben, dass ich jetzt mit einer Antikaffeemission unterwegs bin, in den Teekreuzzug ziehe oder demnächst Werbung für diese »Power-Zwerg«-Vitaminkapseln mache.

Ich trinke einfach nur keinen Kaffee mehr.

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