Wir müssen mal über was reden ...

Wenn ich das Wort „müssen“ verwende, sollten alle Alarmglocken schrillen. Ich benutze es im Sinne von Powerspeech und Reizwortvermeidung so gut wie nie. Hier erscheint es mir angebracht. 
Wir müssen reden. Erst ich, dann ihr. 

Aus dem Nähkästchen


Ich war die miese Läuferin und das Mädchen mit nix in den Mauen [ohne ausgeprägte Armmuskulatur]. Sport hat mir nie besonders großen Spaß gemacht; nicht weil es um messbare Leistung ging, sondern weil ich nicht motivierend herangeführt wurde. 
Hätte ich beim Kastenspringen und im Basketball ähnliche Fortschritte und Erfolgserlebnisse gehabt wie in Deutsch und Mathe, hätte ich mich dort nicht abgeschrieben. 

Stattdessen ließ ich andere mit dem Finger auf mich zeigen und lachen, wenn ich zwei oder drei Anläufe brauchte, um über das Gerät zu springen oder den Korb zu treffen. Ich wettete gegen mich selbst, ob ich als vorletzte oder letzte in die Mannschaft gewählt würde. Ich war weder ungelenk noch krank — ich war bloß kein Sportass. Jemand, den man nicht brauchte und der besser einfach gar nicht da wäre. Geh sterben!

Meine Fünf in Tanzen beichtete ich meinen Eltern schon, bevor sie in Stein gemeißelt war. 
Dass meine Lehrer mich belächelten und meine Mitschüler das zum Anlass nahmen, mich als behinderte Planschkuh und Spasti zu bezeichnen, ließ ich unbemerkt. 

Ich erzählte auch nicht, dass mich der sitzengebliebene Junge mit dem grünen hochgezogenen Schleim seiner Bronchien angespuckt hatte und auch nicht, dass das nette Mädchen, das als Rollkunstläuferin schon so oft in der Zeitung war, mir ihr Kaugummi in die Haare gedrückt hatte. 
Ich hatte ja überwiegend gute Noten und meine Eltern sollten keinen Grund zur Sorge haben.

Ich sollte dem Ball bitte nicht wehtun, sagte mein Sportlehrer. 
Ich sollte lieber einfach nur am Rand bleiben und nicht im Weg stehen, sagten die Jungs. 
Ich sollte schönere Sportsachen anziehen, damit ich bei allem Unvermögen nicht auch noch so scheisse aussehen würde, sagten die Mädchen. 

Das ist über zwanzig Jahre her. Und ich lese mit Betrübnis täglich in der Zeitung, dass sich nichts geändert hat. Dass einige [bei weitem glücklicherweise nicht alle] Lehrer entweder machtlos, unwissend oder naiv und zuweilen vereinzelt immer noch asozial sind. Dass Kinder anderen Kindern Monster sind — homo homini lupus. 

Ich hatte das Glück, Freunde zu finden. Die auch gemobbt wurden. Aber zusammen waren wir weniger allein. 
Und es ist nichts anderes als Glück gewesen. Vielleicht wäre ich sonst nicht mehr hier. Und viele andere auch nicht. 
Aber darf der Seelenfrieden eines Menschen, speziell eines Kindes, von Glück abhängig sein? Seine Existenz?

Ich habe damals versucht, mich zu wehren. Mich mit Argumenten und Spitzfindigkeiten gegen die Mobber aufzulehnen. Getroffen habe ich damit selten jemanden, und wenn, dann auch nur kurzfristig. 
Und darüber bin ich heute sehr froh, auch wenn ich mir damals darüber die Augen ausgeheult habe. Bei Mobbing kann und darf man nicht mit gleichen Mitteln dagegenhalten. Wo es keine Prävention gab oder sie gescheitert ist, bedarf es Mediation, Aufklärung und Einfühlungsvermögen. Mit Strafen und Anschuldigungen kommt man bei Mobbenden nicht weiter, man verstärkt nur die Wahrnehmung der Hilflosigkeit des Opfers. Und gießt Öl ins Feuer. 

Ich kenne nicht jedes Menschen Schmerzgrenze und bin so ziemlich die Letzte, die offensiv bzw. ohne Angriff jemanden durch den Kakao zieht. Weil ich weiß, wie scheisse es sich anfühlt, zur Zielscheibe zu werden, nur weil man gerade im Weg steht und sich nicht wehrt, weil man es nicht kann. Wenn ich mich also heute über jemanden oder etwas lustig mache, dann auf Augenhöhe. Und ich ertrage das Echo. Das ist das einzige, was ich durch Mobbing gelernt habe. Schmerzhaft. Denn die Bauchschmerzen waren ebenso echt wie die Übelkeit und das Kopfweh. Auch wenn es niemand glaubt. 

Die Brüste der Kollegin sind winzig? Behaltet es für euch. Sie weiß es sicherlich auch so. 

Der Kumpel hat einen Bierbauch bekommen? Er stört ihn wahrscheinlich schon. Aber ist die Plauze angesoffen oder Folge einer Stoffwechselerkrankung? Vielleicht sogar einer Depression? 

Das Kind der Freundin entwickelt sich nicht so schnell wie eures? Hört auf, das zu betonen und zu vergleichen. Sie macht sich genug Sorgen und Stress. Ihr schadet ihr und dem Kind damit mehr, als es eurem eigenen Ego im Umkehrschluss guttut. 

Das ist kein Mobbing? Mobbing [im weiteren Sinne] ist die wiederholte Schikane, die seelische Verletzung und Quälerei anderer Menschen. 
Punkt. 

Bitte, liebe Eltern, zeigt euren Kindern, was der Unterschied zwischen lustig sein und verletzendem Spott ist, seid ihnen Vorbilder, aber nehmt auch ihre Sorgen und Nöte ernst. Besonders die stummen. 
Liebe Lehrer, es ist schwer, neutral zu sein und Stärken zu stärken, Schwächen nicht zu fokussieren, die einen nicht zu hätscheln und die anderen nicht zu vergessen. Es ist ein harter Job und erfordert viel Energie, Wissen und Einsatzbereitschaft. Aber jedes Kind, das ihr nicht verliert, moralisch wie physisch, ist es wert. 
Liebe alle, helft, schreitet ein, schlichtet, wann immer ihr das Gefühl habt, dass ein Mensch ungerecht behandelt wird. Ihr kriegt vielleicht auf die Fresse, aber ebenso vielleicht bekommt ihr es auch irgendwann gedankt. Spätestens dann, wenn ihr einmal in der Situation seid und euch jemand zur Seite steht. 
Schaut in den Spiegel und seid ehrlich zu euch — ihr habt auch schon mal jemanden gehänselt oder einen bösen Witz über jemanden gemacht. Ihr wart vielleicht der Erste, vielleicht aber auch der Hundertste damit. 
Wann wird es demjenigen zu viel? 
Man weiß es nicht. Und wir sollten alle daran arbeiten, dass es keinen Grund gibt, das herauszufinden.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0