Voyage, voyage – Desireless in Frankreich. Fast.

#Lenning auf Reisen, was nach Spaß ohne Ende klingt, ist in Wirklichkeit …

 

 

… nicht anders als bei allen anderen auch. Oder etwa nicht?

 

 

Sich während einer Reise Notizen zu machen hilft, die Dinge nicht im Nachhinein zu verklären. Hoffe ich. Vermutlich ist aber der Frankreich-Flash so enorm, dass es egal ist, wann ich mein Loblied auf diesen wundervollen Urlaub und dieses zauberhafte Fleckchen Erde anstimme (welches ich #ausGründen niemals als Grande Nation bezeichnen werde ;-)

So bringe ich also die ersten Zeilen dieses Artikels noch auf französischem Boden zu Papier, mit einer Seebrise im Haar und getrocknetem Wattschlick an den Füßen. 

 

Wie alles begann. 


Wenn man, umgeben von tristem Novembergrau und Weihnachtsgedudel, nach einem Ferienhaus in Frankreich sucht, nicht mehr als 1.000 Kilometer fahren will und es gern authentisch-romantisch sowie küstennah hat, kommt man um die Normandie und die Baie de Mont-Saint-Michel nicht herum. Um ein, im wahrsten Sinne des Wortes, Kuhkaff namens Tirepied schon eher, sofern man nicht wie wir völlig einen an der Waffel hat und sich beim Überfliegen der Angebote in ein Manoir aus dem 13. Jahrhundert verknallt. Kuhweide, Sonnenterrasse und Blick auf den örtlichen Michel inklusive. Zwei Wochen wohnen wie Das Fliegende Spaghettimonster in Frankreich zum Preis von zwei Fünf-Sterne-Übernachtungen in Paris – trop beau être vrai.

 

Kurz davon abgeschreckt, dass wir beide kein Wort Französisch können und selbst unser „Bonjour“ sich eher anhört wie eine Katze mit Stimmbandentzündung, als dass es wie eine freundliche Begrüßung klingt – gesagt, gebucht.

 

Über den verregneten Jahreswechsel sehen wir uns bereits rotweintrinkend vor dem Natursteinhaus sitzen, Baguette knabbern und bretonische Austern schlürfen. Morgens Weltkulturerbe besuchen, abends am Meer die Sonne untergehen sehen.

Abends in Tirepied
Abends in Tirepied

Und in der Realität?

 

 

Fünf Monate später sitzen wir bei 25° Celsius in der prallen normannischen Sonne, trinken einen grandiosen Château Croix de la Gay (der heißt wirklich so), blicken auf Le Mont-Saint-Michel und finden es einfach nur fantasmagorique. Ende der Geschichte.

 

Echt jetzt?

Nun ja, sollte sich tatsächlich jemand für Museumsbesuche, einen nächtlichen Trip zum Mont-Saint-Michel und die 50 Shades of Tücken eines 800 Jahre alten Ferienhauses interessieren, kann er gern zu Ende lesen.

 

Allons-y!

 

Für gewöhnlich kundschafte ich den Ferienort genauestens aus, bevor ich etwas buche und schlussendlich hinfahre. Diesmal … hm … nicht. Was zum einen an Henning lag, der nur eine alte Steinbude in der Einöde sehen muss und schon Urlaubsgefühle bekommt (manchmal tut es auch ein gewisses Schweizer Chalet). Zum anderen lag es daran, dass ich irre viel zu tun und wenig Lust hatte, mich näher damit zu beschäftigen. Abgesehen von wenigen Informationen und ein paar Bildern vom Ferienhaus – vermutlich hat mein Kopfdoktor da heimlich applaudiert, der Kontrollwahn ist unter Kontrolle – wollte ich mich überraschen lassen.

 

So wurden aus Google-Maps‘ 7,5 Stunden Fahrtzeit gute 10, aus „Ich brauche im Urlaub keine Badewanne.“ ein „Oh, fuck – wie soll ich mir denn hier die Füße waschen?“ und aus dem ersten „mon dieu, ich fühle mich wie Louis XIV“ ein dauerhaftes „Ooooooar, ich dachte die Zeiten von Victor Hugo wären vorbei …“ Denn: So manche Steckdose funktionierte nur, wenn das Licht an war. So mancher Abfluss wollte uns beibringen, was „au revoir“ wörtlich bedeutet und auch die Sache mit der Bettwäsche ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

 

Aber der Reihe nach.

 

 

Ein paar Tage vor Reisebeginn findet im Hause Schwarz folgende Unterhaltung statt:

 

Henning präsentiert Larissa seine Playlist, mit der er sich auf den Urlaub einstimmen will.

 

Larissa: Je vais t’aimer und Primo Victoria – was für eine wilde Mischung.

 

Henning: Waren aber die ersten, die mir einfielen.

 

Larissa: Schon gut. Wie ich sehe, hast du die Hälfte aus der Playlist von Band 4 der Eschberg-Reihe geklaut.

 

Henning: Jap. Aber Lost in France ist von mir.

 

Larissa: Nein. Von Bonnie Tyler.

 

Henning: Niemand mag Klugscheißer.

 

Larissa: Ich weiß. Ha-ha.

 

Unser Navigationssystem heißt jetzt Bonnie. Es spricht aber leider nicht mit ihrer Stimme. Ob wir trotzdem ankommen?

 

Wir sind angekommen. Übrigens bereichert um die Erkenntnis, dass Bonnie besser Französisch kann als wir. Neid.

 

 

 

Apropos Neid: Dank der weisen Planung meines geschätzten Gatten hatten wir „Bip and Go“ im Auto. Auch bekannt als télépéage. Unsere Route beinhaltete mehrere Mautstrecken und irgendwie konnten wir uns weder mit Kleingeld noch mit der Kreditkartendauernutzung anfreunden. Geht alles, wenn man will, aber so ein kleiner Transponder in der Scheibe, der einem auf magische Weise jede Schranke öffnet, hat schon was. Vor allem wenn man im Rückspiegel haufenweise französische Autofahrer sieht, die einen warnen wollen, nicht in die Télépéage-Spur zu fahren, weil man da nicht mehr rauskommt. Woher sollen die hinter uns auch sehen, dass wir vorbereitet sind? Doof ist nur, wenn man selbst an eine der 30er-Spuren heranrollt und der Fahrer vor einem sich – ich behaupte – vertan hat (Henning ist der Meinung, der Fahrer der AMG M-Klasse war einfach nur ein Idiot). Dann wartet man länger als die Herrschaften in der Kleingeldspur. Egal. In 95 % der Fälle haben wir uns das Gewurschtel erspart. Und mit Aufwandminimierung fängt der Urlaub richtig gut an.

 

 

Nachmittags im Hause Noir.

 

Henning: Sehr geil. Ich hab mir das Haus ja anhand der Bilder nicht so ganz vorstellen können … also, welcher Raum wo ist und so …

 

Larissa: Wir sind seit anderthalb Stunden hier und ich kann es immer noch nicht …

 

 

Kurz nach unserer Ankunft treffen wir auf die Vermieter, die auf dem Hof nebenan wohnen. Der Mailverkehr war in zweifelhaftem Englisch, nun erklärt sich, wie es dazu kam. Sie sprechen ausschließlich Französisch und nutzen Google Translate. Gut, dass wir hier Edge haben und auch das WLAN mit affenartiger Geschwindigkeit läuft. Eines alten Affen. Mit Arthrose. 

 

So dauert es ein paar Minuten, bis aus „pooh“ und „belle“ (wir dachten an „schöne Scheiße“) „Poubelle“ wird. Der Mülleimer. Nah dran. Und wenn man das französische Mülltrennungssystem betrachtet, sogar voll ins Schwarze getroffen. Ich bin im Freundeskreis als Mülltrenn-Terroristin verschrien – und bekenne: Zu recht. Ich missioniere auch fröhlich und erzähle gern, wie schon Otto den Teebeutel trennte. Aber trotz der Erklärung am Kühlschrank (in Französisch), war mir auch nach zwei Wochen nicht ganz klar, warum es a) kein Mehrwegsystem gibt, b) wo die vielen Weinflaschenkorken hinkommen und c) was man mit kaputten Schuhen und benutzter Grillkohle macht. Auf meine Nachfrage beim Vermieter habe ich bis heute keine Antwort.

 

Für den geneigten Leser sei an dieser Stelle erklärt: Die Schuhe habe ich daheim entsorgt, die Grillkohle haben wir in einem Beutel neben den Müllbehälter gestellt. Was anderes blieb uns bei Abreise nicht übrig. Möge Das Fliegende Spaghettimonster ein Nachsehen mit uns haben.

 

Wo wir gerade beim Thema „undefinierbare Knäuel“ sind, komme ich mal auf die Abflusssache zurück.

 

 

Meine langen Haare sind der feuchte Albtraum jedes Abflussrohrs – dessen bin ich mir bewusst und treffe, für gewöhnlich, entsprechende Vorsorgemaßnahmen. Bei manchen Abflüssen ist das allerdings nur eingeschränkt möglich und auch das sorgfältige Striegeln der Mähne im Vorfeld hilft nicht. Das Knäuel wird zum Gräuel. Unter dem silbrigen Deckelchen verfängt sich das sperrige Haargespinst. Der Pegel in der Dusche steigt bedrohlich. Springflut. Es gluckst. Schwarze, schimmlige Bröckchen wabbeln um meine Zehen. Angewidert hebe ich ein Bein.

Flamingos sind ja gerade wieder in Mode.

 

Schnell abduschen, das angezogene Bein abtrocknen, auf die Badematte steigen, das Bein mit dem Müffelsud am Fuß abspülen, abtrocknen, in Ruhe zu Ende ekeln.

 

Ein Blick in den gut sortierten, aber dennoch wenig Erfolg verheißenden Vorrat an Reinigungsmitteln und –utensilien lässt kurz die Frage aufkommen, ob ich nur den Freund oder auch gleich den Vermieter rufe.

 

Einerseits will ich ja nicht als alemannisches Mäkel-Mäuschen dastehen, andererseits stand in der Beschreibung nix davon, dass diese „romantische Zuflucht“ wohl höchstens das Herz von Meister Proper zum Hüpfen bringt.

 

Nett, wie ich bin, behebe ich natürlich die entstandene Verstopfung. Naiv, wie ich bin, wundere ich mich, wie ein Teil meiner Haare plötzlich lang und blond respektive kurz und rot geworden ist. Ich schiebe es auf das Reinigungsmittel – war bestimmt Chlor drin – und vergesse beim anschließenden Rotwein, was ich gesehen habe.

 

Das Wasser läuft zwar immer noch nicht richtig ab, aber immerhin spült der Abfluss keine Schimmelbröckchen mehr hoch – eigentlich waren es Brocken, aber das glaubt mir eh keiner.

 

Für einen Moment wäre ich doch lieber einfach der nörgelnde, anspruchsvolle deutsche Touri gewesen. Aber wer weiß, wen ich mit der Google-Translate-Übersetzung beleidigt und welche Strafe mich dafür ereilt hätte.

 

Wobei … Korsika soll auch ganz schön sein …

     

Wie man sich bettet, so liegt man.

 

 

Als bekennende Anti-Kartell-Matratzen-Nutzerin – schönen Gruß an meinen Orthopäden mit bestem Dank für die Empfehlung – ist das Schlafen in fremden Betten für mich ein Vabanque-Spiel. Nein, nicht das, was der ein oder andere jetzt wieder denkt.

 

Für einen erholsamen Nachtschlaf benötige ich die richtigen Utensilien. Ja, da bin ich eher Orchidee als Löwenzahn.

 

Im Mittelalterlager ist mir das schnurz. Maximal drei Nächte in einem Zelt, das eher Sichtschutz ist als alles andere, auf einem knarzenden Holzbett Marke Eigenbau, nur Felle und Decken als Polster? Geht.

 

Zwei Wochen Urlaub mit Wanderungen, Sightseeing und Fressorgien, von denen ich mich in einem durchgelegenen Bett erholen und dabei mit dem bedeutendsten Deckenräuber der Neuzeit das Plumeau teilen soll? Jamais!

 

Das weiß ich aber, dank meines ausgefallenen Bilderstudiums erst, als wir das Schlafzimmer auserkiesen und in Beschlag nehmen. Wir stehen also mit unserer 1,35*2,00-Meter-Bettwäsche und Bezügen für 80*80-cm-Kopfkissen vor einem 140er Bett mit 2,40*2,20-m-Decke und 60*40-cm-Kissen. Grandiose.

 

Schulterzucken. Seufzen. Spaß nicht verderben lassen.

 

Schließlich hat das Manoir dreieinhalb weitere Schlafzimmer, aus denen wir das Nötigste zusammensammeln und uns anschließend erschöpft [vom Kickern] in die Federn fallen lassen. Gefolgt von einem unisonoren Aufschrei. Gegenseitige Diagnose: Genickbruch. Und Dachschaden. Man lässt sich genauso wenig in ein unbekanntes Bett fallen, wie einen Kopfsprung in unbekannte Gewässer zu machen. Warum wir dennoch ganz unbedarft ins Bett geplumpst sind, wird wohl für immer unser Geheimnis bleiben.

 

Wie sich nach kurzer Analyse herausstellt, ist diese Matratze allerdings tatsächlich schon die beste, die das Haus zu bieten hat. Wir vermuten, dass sie noch ein Überbleibsel aus dem Erbauungsjahr ist, und ich beschließe, Frankreich ab sofort jeden Abend mit einem Schlummertrunk in den Schlaf zu verabschieden. Wenn der Rest sich erholen darf, kann die Leber ja mal in Form gebracht werden und entgegen aller Studien zu Schlafstörungen, kann ich nach einem Glas Wein ganz hervorragend schlafen. [Was wiederum nicht impliziert, dass ich es zum Einschlafen brauche. Aber ich schlafe nach dem Genuss nicht schlechter. Eher besser.]

 

Als ich dann im Wohnzimmer die Weingläser entdecke, wittere ich zunächst einen Scherz, vermute dann aber eine Verwechslung mit Schnapspinnchen. Die gibt es hier aber gar nicht. Was wiederum mein Autorenhirn beflügelt und mich über den Alkoholkonsum der hiesigen Franzosen spekulieren lässt. Dieses Ende lasse ich für euch aber offen. Die erste Nacht hingegen endet um vier mit Vögeln.

 

Nein, nicht das, was man von der Liebesroman-Uschi jetzt erwartet. Das gefiederte Pack in den Bäumen macht Radau ohne Ende. Und diese eine fiese Grille ist auch schon wieder wach. Hatte ich tatsächlich geglaubt, dass es sich bei der Matratze um mein Hauptproblem handeln würde? Je le regrette.

 

#Lenning für Zwischendurch

 

 

Französisches Fernsehprogramm im Hause Noir.

 

Es läuft eine Vorschau für die Reality-TV-Serie „Les Marseillais“, darin wird gerade heftig gestritten.

 

Henning: Lass uns das mal gucken, da lernt man wenigstens die richtigen Vokabeln!

 

Larissa: Oder auch nicht … ich seh nur Brüste …

 

Henning fühlt sich ertappt. Larissa schaltet um auf Arte, da gibt es wenigstens ab und an Untertitel.

 

Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh, und schauet den fleißigen Waschfrauen zu.

 

 

Könnte schon fast als Titelmelodie für diesen Urlaub herhalten. Aber auch hier: Der Reihe nach.

 

Ich bekenne: Wenn es im Ferienhaus, wo auch immer, eine Waschmaschine gibt, wasche ich. Was ich zu Hause als Last empfinde, wird im Urlaub zum Laster. Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Luzy nicht läuft. Denn mal unter uns: Was gibt es denn Entspannenderes, als nach dem Urlaub keine Wäscheberge zu Hause zu haben? So endet die Erholung nicht so schnell. Finde ich. Meine Mitreisenden treibt das zwar hin und wieder in die Verzweiflung, aber das ist ein anderes Thema.

 

Nebenbei: Selbst Bügeln geht luftig leicht von der Hand. Wenn das Bügeleisen denn angeht.

 

Überraschung: Es geht nicht.

 

Der herbeigerufene Ingenieur macht sich sofort an die Fehlersuche, prüft und probt. Nix.

 

Mit einem fröhlichen „Ich hab Urlaub, nicht mein Job!“ verabschiedet sich der vermeintliche Experte und kehrt der Szenerie den Rücken. Enttäuscht stehe ich am Barbie-Puppenhaus-Bügelbrett und sehe vor meinem geistigen Auge bereits die Abreisekoffer in drei Gattungen unterteilen. Schmutzig, sauber, aber ungebügelt, und schrankfertig.

 

Beim Verlassen des Wintergartens schalte ich das Licht aus. Stelle fest, dass ich ein anderes angemacht habe. Wundere mich kurz. Höre das Bügeleisen klicken und dampfen, den Herrn des Ferienhauses seufzen. Ändere den Kofferpackplan. Für die zugrunde liegenden Schaltpläne interessiert sich wiederum das Kind – pardon, der Techniker – im Manne und so endet der Abend wein-, leut- und redselig im Wintergarten. Dabei ist noch nicht mal offiziell Sommer.

 

Ein #Lenning

 

Wattwiller? Watt will er.

 

Henning: Mit meinen Eltern bin ich früher auch oft im Watt gewesen, ich weiß, worauf –

 

Noch bei der ersten Silbe von „worauf“ sackt er knietief ein.

 

Larissa: Ja!?

 

Hennings Lachanfall begünstigt leider sein Vorankommen nicht. Wenigstens denkt er daran, Larissa den Autoschlüssel zuzuwerfen. Er hat aber auch den Schlüssel für das Ferienhaus in der Hosentasche.

 

Larissa: Das heißt, ich muss dich retten?

 

Henning grinst breit und befreit sich dann doch aus eigener Kraft. Eigentlich hätte er es ja fast drauf ankommen lassen wollen. Aber auch nur eigentlich. Und nur fast.

 

Christian macht mich schwach ...

 

Christian Dior, wohlgemerkt.

So mein Bekenntnis, als Henning und ich uns trennen. Vorläufig. Im Urlaub kann man nämlich auch mal Dinge allein machen. Überraschung.

 

Und so begibt es sich, dass ich, geschwächt von normannischer Mittagshitze, den Weg vom Zentrum Granvilles zur Villa Les Rhumbs hinauflaufe, das Ziel einmal im liebevoll gestalteten Garten umrunde und dann aus der gleißenden Sonne in die in Schummerlicht getauchte Ausstellung trete.

 

Bis zu diesem Moment ist Dior für mich ein Duft. Poison. Seitdem ich sechzehn bin, verwende ich ihn gelegentlich. Schwer und intensiv, nichts für leichte Sommertage. Eher für … Abende. *hüstel*

 

Dior verbinde ich mit Rosen, Blüten, Dezenz und Dekadenz. Opulenten Schleifen.

 

Und tatsächlich: Von den ersten Roben in der Villa werde ich nicht enttäuscht. Träume aus Taft und Seide eröffnen sich, als ich mich an das spärliche Licht gewöhnt habe.

 

Als Sohn einer Industriellenfamilie hatte Christian Dior eine behütete und begüterte Kindheit. Haute Couture lag ihm quasi in der Wiege, auch wenn er erst im Alter von 33 Jahren zur Modebranche kam. Seine im Haus allgegenwärtigen Skizzen sind in ihrer Kargheit so präzise, dass man die dazugehörigen ausgestellten Kleider sofort erkennt. Den Drang, sich mit jeder Kollektion neu zu erfinden, kann man an der Unterschiedlichkeit der großen Roben auch dann ablesen, wenn man von Mode so viel Ahnung hat, wie Jens Spahn von Gesundheitspolitik.

 

Dior war Genussmensch, Liebhaber guter Speisen und eleganter Düfte. Sehr sympathisch.

 

So verwundert es auch nicht, dass es im Museum dezent nach fragilen Blüten duftet und selbst die Texttafeln (leider ausschließlich in Französisch) eine schlichte Eleganz ausstrahlen, um einen Hauch Dior zu fühlen.

 

Beim Verlassen der Villa bin ich gleichermaßen geflasht wie enttäuscht. Ich hätte gern mehr gesehen, Dior näher erlebt. Einige der ausgestellten Stücke sind nach seinem Tod kreiert worden und als Reverenz zu erachten – mir war das jedoch zu viel „von allem etwas“. Und doch hat die Ausstellung die Schaffenskraft, den Geist und die Ideologie Diors auf den Punkt gebracht.

 

Für zu Hause gibt es Diors „Kleines Wörterbuch der Mode“ als Souvenir; für den knurrenden Magen eine Platte Austern in der Bar Le Pirat, von wo aus Henning mich mit in die Altstadt nimmt, in der er sich während meines Museumsbesuchs liebevoll um all die alten Steine gekümmert hat. Auf dem Weg entlang der Stadtmauer wundere ich mich dann über die vielen floralen und quasi nicht-vorhandenen maritimen Elemente in Diors Kreationen. Seine Geburtsstadt ist umgeben von allen erdenklichen Blau-, Grün- und Sandtönen, Sonne, Wellen und Felsen. Anscheinend hat er sie auf dem Weg nach Paris abgelegt wie einen alten Mantel.
Vielleicht hat er sie aber auch nie so wahrgenommen, wie wir als Fremde, die den Kids auf der Straße hier die Möglichkeit neiden, nach der Schule mal eben an den Strand zu gehen, den Berufstätigen die Mittagspause im Hafen bei Austern und Fisch, den Rentnern das Boule-Spiel im Schatten der Koniferen. Mit Blick auf den Hafen lösen wir uns von dieser romantisierten Sichtweise – auf der anderen Seite ist das Gras scheinbar immer grüner.

 

Es muss nicht immer Champagner sein.

 

 

In der Normandie kommt der Gourmand um Meeresfrüchte, Galettes und gute Weine zum anständigen Preis nur dann herum, wenn er Augen und Ohren verschließt. Zwei ausgemachte Schleckermäuler goutieren das Schlaraffenland und stellen fest: Die prickelnde Säure des trockenen Champagners paart sich fast schon zu harmonisch mit der salzigen Meeresbrise der Austern. It’s time to change a running system. Und bei Mer & Saveurs in Granville findet sich ein Aperitif, der zum Gamechanger wird. Ein exzellenter Kir aus feinperligem Bourgogne garniert mit kandierter Hibiskusblüte, der sich mit den Muscheln ganz fantastisch verträgt. Eine Kombination, die sicherlich auch bei uns den Weg auf den Tisch finden wird.

 

Wein, Weib und Gesang – Voulez-vous?

 

 

In Frankreich im Super-U „mal eben“ Wein kaufen zu wollen, ist in etwa so wie die 50 Shades of Sonnenbrand zu definieren – mühsam, wenn man einen gewissen Anspruch hat. Aber machbar. Da Geduld nicht meine größte Stärke ist und sich das Etikettenstudium auf Französisch mit meinen Sprachkenntnissen schwierig gestaltet, hilft nur eins: methodisches Vorgehen. Grenache heißt glücklicherweise hüben wie drüben gleich, daran scheitern wir schon mal nicht. Vin rouge kriegen wir gerade noch so zu Rotwein übersetzt – nee, watt sind wir kluk – und für die Entscheidung verlassen wir uns auf etwas ganz simples. Label.

 

In die engere Auswahl kommt also alles, was eine Medaille, ein Siegel oder eine Schärpe hat. „Appellation d’Origine Protégee“ klingt nicht nur schick, sondern verheißt auch, dass der rote Traubensaft zumindest einer bestimmten Region zuzuordnen ist. Château de irgendwas klingt auch immer ganz großartig und 13,5 % vol. haben noch keinem Wein geschadet. Was also bei der riesigen Auswahl trotz dieser Vorgehensweise fast blind aus dem Regal gefischt wird, entpuppt sich als Glücksgriff. Für die nächsten Tage begleitet uns abends ein Château Camplong. Grenache, Mourvèdre und Syrah, fruchtig delikat. Pur ein Genuss, zu Gegrilltem und Käse erst recht. Auch zu Pizza aus dem Automaten.

 

Whaaaat?

 

Oui. Hier, also auf dem platten Land, mitten in der Pampa, in den Hügeln der Normandie, stehen sie in zuverlässig regelmäßigen Abständen. Pizza-Automaten. An sieben Tagen die Woche, rund um die Uhr. Voulez-vous nachts um 02.17 Uhr? Kein Problem. Innerhalb von drei Minuten kommt eine knusprige, gut gebräunte und schmackhafte Pizza aus dem Kasten.

 

Für gewöhnlich bin ich bei sowas ja skeptisch und gut 10 € pro Stück fand ich bei der ersten Inaugenscheinnahme grenzwertig. Aber in der Not frisst der Teufel ja bekanntlich auch Convenience. Hungrig von einem langen Ausflugstag und weit entfernt von allen noch geöffneten Restaurants, zieht man sowas etwas zügiger in Betracht, besonders wenn man gerade vor einem dieser Automaten steht. Und von diesem freundlich angeblinkt wird. Wir geben ihm also eine Chance. Eine Fermiere und eine Orientale sollen es werden. Unser Französisch ist inzwischen so hervorragend, dass wir die Bestellung auf Anhieb richtig eingeben und mit MasterCard zahlen können; die sechs Minuten Warten verkürzen sich dadurch leider nicht. Schneller wären wir selbst aber auch nicht gewesen.

 

Aber es dauert tatsächlich keine Sekunde länger. Nach jeweils drei Minuten ploppt eine weiße Schachtel aus dem Schlitz, sogar eine Eddingmarkierung am Rand ist dran, damit wir die Pizzen nicht verwechseln. Kurz hineingelugt – wow. Das sieht definitiv nicht nach Tiefkühlkost aus.

 

Wenige Minuten später sitzen wir auf der Terrasse des Landhauses und fallen über das Essen her. Halbe-halbe, damit wir uns ein rundes Urteil erlauben können.

 

Die Orientale ist uns ein wenig zu paprikalastig, aber die Fermiere – mit grobem Senf, Zwiebeln und Hähnchenfleisch – überzeugt. Mont-Saint-Michel ist am diesigen Horizont nicht zu erkennen, dafür beehren uns die sechs Ochsen mit ihrer Anwesenheit und teilen sich mit uns den Sonnenuntergang und den jetzt wieder als lieblich empfundenen Gesang der Vögel in den Bäumen.  

 

Ein #Lenning für Zwischendurch

Im Musée de la Tapisserie de Bayeux.

 

 

Der Audio-Guide hat uns geraten, auch den oberen und unteren Rand des Teppichs genauer zu betrachten. Bei Bild Nummer 13 gucken sich Larissa und Henning skeptisch an.

 

Larissa: Hat der –

 

Henning: Ja, hat er.

 

Larissa: Das Ding ist meines Wissens von Nonnen hergestellt worden, ähm –

 

Henning: Denk mal angestrengt nach …

 

Larissas Autorenhirn läuft auf Hochtouren. Henning bereut, ihr geraten zu haben, genauer zu überlegen, da sie nun, mit Stift und Notizbuch bewaffnet, erst mal wieder im Arbeitsmodus ist.

 

Wenn es Nacht wird auf Mont-Saint-Michel …

 

Zwei Wochen von zu Hause weg zu sein bedeutet für uns auch: zwei Wochen ohne Audrey. Wir wissen sie in guten Händen und in heimischen Gefilden bestens aufgehoben, aber dennoch wird uns hin und wieder schwer ums Herz, wenn uns eine maunzende Fellnase über den Weg läuft. [Sonderlich zutraulich sind übrigens die wenigsten der Exemplare, die wir treffen.] Eine ganz besondere Anziehungskraft üben aber die Katzen von Mont-Saint-Michel auf uns aus.

 

Unser Vermieter gibt uns den Tipp, dass ab 19 Uhr die Parkplätze am Mont-Saint-Michel kostenfrei seien und dann dort weniger Touristen wären. Wir nicken freundlich, erinnern uns an die Reportage auf Arte, die wir gesehen hatten und beschließen, abends mal hinzufahren, um vorab schon mal zu erkunden. Einen Tagesausflug zum Michel hatten wir ja eh geplant. Von Tirepied ist Le Mont-Saint-Michel innerhalb von knapp dreißig Minuten mit dem Auto zu erreichen, es geht über die Autobahn, Landstraßen, durch Dörfer entlang der Bucht.

 

Um 19:48 Uhr erreichen wir Parkplatz fünf, der schon weitestgehend leer ist. Ein paar ältere Herren besteigen gerade, erschöpft und mit Souvenirtaschen bepackt, einen Wagen mit Siegburger Kennzeichen. Wir orientieren uns kurz und einigen uns darauf, den Hinweg über die Brücke (gute dreieinhalb Kilometer vom Auto bis zum Tor) zu Fuß zurückzulegen und erst auf der Rückfahrt den Shuttle zu nehmen.

 

So nähern wir uns langsam dem Felsen mit seinen altehrwürdigen Häusern und der Abtei aus dem 11. Jahrhundert. Ein Pilger, der hier einen Teil des Jakobsweges absolviert, kommt uns entgegen – wir fragen uns, ob er innere Einkehr gefunden hat oder von den Menschenmassen überrannt wurde, die wir aus der Reportage und von Google Earth kennen. Bei mehr als zwei Millionen Besuchern jährlich wird es nämlich in den schmalen Gassen, in denen gerade drei, vier Menschen nebeneinander gehen können, sehr schnell sehr eng. Wohlgemerkt, die Gemeinde Le Mont-Saint-Michel zählt gerade einmal 33 Bewohner. Ich behaupte mal frech, dass das die höchste Touristen-pro-Kopf-Quote der Welt ist.

 

Schon auf dem Steg werden uns die Monstrosität und die dahintersteckende Schaffenskraft der Erbauer klar. Es ist gerade Ebbe, der Wind in der Bucht ist zahm, die Sonne scheint und je näher wir kommen, desto klarer wird das Bild vor unseren Augen und der Kameralinse. (Wer jetzt glaubt, dass uns das wundert: Nein, das tut es nicht. Wir haben aber woanders auch schon so dichten Nebel erlebt, dass wir bei ausgestrecktem Arm die eigenen Fingerspitzen nicht mehr sehen konnten. Daher haben wir dieses Aufklaren so genossen.)

 

Am Tor werfen wir kurz einen Blick zurück. Da wir gut zu Fuß sind, haben wir trotz der vielen Stopps für Bilder, nur knapp vierzig Minuten hierher gebraucht und bis zum Sonnenuntergang bleibt uns noch genügend Zeit, den Felsen zu erkunden, bevor es dunkel wird.

 

(Im unteren Bereich muss man übrigens keinen Eintritt zahlen, auch die Shuttle-Busse sind kostenfrei nutzbar. Die Abtei ist nur zu den Öffnungszeiten kostenpflichtig zu besichtigen. Die Geschäfte schließen alle bis 19 Uhr, in einigen Restaurants kann bis 21.30 Uhr gegessen werden.)

 

Die Grande Rue wirkt in echt noch schmaler als auf den Bildern. Wir sind froh, dass wir zu dieser Zeit fast allein hier sind und von Gedränge weit entfernt. So gelingen uns Aufnahmen menschenleerer Gassen und wir bekommen tatsächlich den Eindruck, dem Ort gerecht zu werden, weil wir ihn entspannt und aufmerksam erleben. Jeder Stein scheint eine Geschichte zu erzählen, jedes Mauerblümchen wirkt wie punktgenau drapiert und wie aus dem Nichts sitzt auf einmal eine Katze am Wegrand. Völlig unbeeindruckt von uns, aber dennoch scheu – es wirkt fast als wollte sie sagen: „Endlich sind diese vielen Irren weg.“ Im Schatten eines knorrigen Baumes blickt sie nach links, nach rechts und weckt in mir den Fell-Flauschen-Wollen-Instinkt. Auf Miez-Miez-Geräusche lässt sie sich nicht ein, im Gegensatz zu Audrey, und einen Augenblick später ist sie verschwunden.

 

Wir erkunden die äußere Mauer, bestaunen die heranpreschende Flut, steigen Treppen rauf und runter. Meine Fitness-App bestätigt mir dann für diesen Tag 34 Stockwerke und 13.308 Schritte – ich behaupte mal, dass 90 % davon in diesen Abendstunden zurückgelegt wurden.

 

Die Temperatur fällt merklich, auch der Wind ist frischer geworden. Wir stehen auf der mittleren Ebene an einem der zahllosen Geländer und blicken durch ein vergittertes Loch in der Mauer auf die sehr tief stehende Sonne, deren endgültigen Untergang wir gern auf Meereshöhe sehen wollen. Über dem Erzengel Michael schwirren Möwen, der Mond leuchtet schon – für uns ungewohnt – hell über der Bucht. Wir machen uns auf den Weg hinab, kommen an einer Katzen-Gang vorbei, die sich in einem der nicht-zugänglichen Grünflächen tummelt, und erreichen trotz eiliger Schritte das Meer erst, als von der Sonne nur noch Feuerglühen am Horizont zu sehen ist. Dennoch hält uns der Anblick für eine Weile gefangen, das Rauschen der Brandung lullt uns ein wir erleben einen dieser Momente, die man nur im Herzen speichern, aber nicht auf einem Foto festhalten kann.

 

Irgendwann wenden wir uns vom Meer ab und ziehen wieder Richtung Tor. Der letzte Bus fährt hier zu dieser Jahreszeit um 23.45 Uhr, es ist aber gerade erst 22.00 Uhr und vor uns liegt mit einem Mal ein völlig anderer Ort als noch vor einer Stunde.

 

Die Dunkelheit ist in die Gassen gefallen, die Katzen von Mont-Saint-Michel streiten sich um die Essensreste der Restaurants, nur wenige Besucher – vornehmlich Fotografen mit bemerkenswerter Ausrüstung – sind noch auf dem unwegigen Pflaster und den ausgelatschten Stufen unterwegs. Wir drehen noch eine große Runde, entdecken mehrere Stiegen und Winkel, die wir beim ersten Mal noch nicht gesehen haben, und stellen an einem der äußersten Aussichtspunkte fest, dass wir in unserem Erlebnisrausch nicht bemerkt haben, wie kalt es geworden ist. Um kurz vor elf laufen wir zügig zum Shuttle-Haltepunkt und quetschen uns in den überladenen Bus, in den sich noch fünf weitere Besucher quetschen und der dann noch überladener innerhalb weniger Minuten den Steg hinter sich lässt und auf dem Festland wieder hält.

 

Einerseits bedauern wir, dass wir uns für den Rückweg nicht mehr die Zeit genommen haben, um Abschied von diesem Monument zu nehmen, andererseits haben wir noch eine halbe Stunde Autofahrt vor uns und werden eh erst gegen Mitternacht wieder im Ferienhaus sein. So reflektieren wir unsere Eindrücke einfach während der Fahrt und halten uns wach – die Bilder auf der Kamera werden wir erst am nächsten Tag wieder ansehen. Das, was sich in unsere Erinnerung eingebrannt hat, begleitet uns  ohnehin noch die nächste Zeit intensiv. Auch nach dem Urlaub noch.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0