Warum es sich lohnt, mit Zitronen zu handeln – Ode au merlot

Drei Zitronen in einer kleinen weißen Tartelette-Form.
Vier Zitronen, die nur drei sind.

Die Handschrift auf dem Einkaufszettel ist nicht meine. Zumindest erkenne ich sie nicht. Und ich kann sie auch nicht entziffern. Ob dort Melonen oder Zitronen steht, kann ich nicht sagen. Ich nehme an, dass es Zitronen heißen soll. Was sollte ich auch mit Melonen?
Wobei die Frage nicht ganz berechtigt ist. Wenn ich im Rausch eine Fressattacke habe, kommen mir manchmal seltsame Gelüste. Meistens aber eher herzhafter, fettiger Natur. Sollte ich Appetit auf Melonen gehabt haben, muss der Wein die Ursache dafür gewesen sein. Der hatte so eine fruchtige Note, bevor er sich wie Schokolade auf meine Zunge gelegt hat. Ich mag Wein. Der kommt nicht so plump daher wie Bier oder Weinbrand, man kann besser über ihm und mit ihm reden.
Mit einem Glas Wein in der Hand werde ich zur Philosophin, mit einer Flasche Bier zur Proletin. Mit einem Schnapsglas zur Pöblerin. Obwohl ich dasselbe sage. Und meine.
Ich beschließe, dass ich Zitronen meinte. Der Ingwer, den ich daruntergekritzelt habe, gibt mir recht. Ingwer-Zitrone-Honig. Wunderbares Hausmittelchen gegen kratzige Stimme. Ob die nun vom Wein kommt oder von einer Erkältung, danach fragt niemand, auch nicht der Ingwer.
Vom Zettel driftet mein Blick nach links ins Regal. Dort stehen Oliven und Kapern. Am Ingwer und den Zitronen bin ich also schon vorbei. Bis zu den Nudeln, die wiederum feinsäuberlich notiert sind, ist es noch ein Stück.
Müde. Ich bin müde. Nicht schlafensmüde, nicht lebensmüde. Einfach nur müde. Eine eigentlich angenehme Erschöpfung, so als hätte ich den ganzen Tag gearbeitet. Dabei ist es erst halb neun und der Einkauf nach dem Frühstück und der Dusche die erste Tätigkeit. Ich stehe immer noch bei den Oliven und denke mir: „Du stehst immer noch bei den Oliven.“ Solche Momente habe ich morgens häufig. Zwischen dem ersten und dritten Becher Kaffee. Keine gute Zeit, um in den Supermarkt zu gehen. Ich blicke an mir hinunter. Immerhin habe ich festes Schuhwerk an. Und Socken darin.
Am Zettel halte ich mich fest, werfe einen prüfenden Blick in die Handtasche. Mein Portemonnaie habe ich also auch eingesteckt. Ein guter Tag. Im Einkaufskorb liegt bereits ein Toastbrot. Nicht die Marke, die ich sonst kaufe, aber auch nichts, was ich nicht essen würde. Vermutlich habe ich gerade blind zugegriffen. Durch den Nebel, der mich umgibt. Vielmehr ist es ein diesiger Wackelpudding, durch den ich mich bewege. Ich sehe gestochen scharf, aber ich fühle und höre wie durch Watte. Aber ohne, dass es fluffig weich ist. Neblig eben. Der Zettel in meiner Hand ist zerknittert, der Griff des Einkaufskorbs malt sich in meiner Handfläche ab. Ingwer. Waagentaste 105. Ein Euro drei. Der Aufkleber hält nicht an der Ware, also pappe ich ihn auf meinen Handrücken. Ein schönes Gefühl.
Melonen gibt es gerade gar nicht in der Auslage. Ich mag Melonen sowieso nicht sonderlich. Wassermelonen am allerwenigsten. Lieber Galiamelonen. Komisches Wort. Me-lo-ne. Mmmmmmmelooooooone. Es will mir nicht aus dem Sinn. Melopepon. Cocomelon. Ein Lied entsteht. Ohne Melodie. Aber mit süßem Geschmack. Und leicht salzig, wie die Meeresluft, die der cocomelonrufende Verkäufer und ich auf der Baleareninsel eingeatmet haben. Und schokoladig. Wie der Wein von gestern Abend.
Wein steht nicht auf dem Zettel. Dort steht Merlot. Sortenrein. Oder zumindest mit überwiegendem Anteil. Aktuell sind es bevorzugt diese vollmundigen, schweren Franzosen, mit denen ich die Abende verbringe.
Sie erzählen viel von sich und ihrer Herkunft. Und sie erzählen so gut, dass ich es ihnen glaube, ihnen folge, mich mit ihnen auf ihre Reise begebe. Die Wärme ihrer Sonne hüllt mich ein wie eine seidene Jacke, der sanfte Wind ihres Bergs säuselt mir verführerische Lieder ins Ohr. Frankreich; ich bekomme Hunger.
Es liegen Zitronen im Korb, Ingwer, das ominöse Toastbrot und Kaffee. Kapern. Wie sind die Kapern dort hineingelangt? Egal. Kapern sind nie verkehrt. Kann man immer mal brauchen. Königsberger Klopse.
Ich atme. Ein. Aus. Ein. Aus. Ich bin stolz auf diese Leistung, derer ich mir gerade bewusst werde. Seltsam, wenn man so darüber nachdenkt. Anhalten möchte ich die Luft nicht, aber ich könnte, wenn ich wollte. Und wenn ich nicht mehr darüber nachdenke, atme ich trotzdem weiter. Stichprobe. Ja.
Ein. Aus. Ein. Aus.
Mein Atem riecht nach Minzzahnpasta. Mit ihr habe ich den Pelz von Zunge geputzt, der mich heute Morgen hat wachwerden lassen, bevor der Wecker klingelte. Kommt selten genug vor. Manchmal sind es die Kopfschmerzen, manchmal die drückende Blase. Oft aber schlicht und einfach das unbarmherzige Klingeln.
Wobei das nicht falsch verstanden werden sollte. Ich bin gern wach. Nur das Gewecktwerden, vielmehr das Aufwachen, ist nicht mein liebster Moment am Tag. Sich erinnern, besinnen, fokussieren und loslassen. Ein paar Stunden Schlaf haben den Merlot neutralisiert, einige Gedanken gelöscht, andere miteinander verknüpft. Der diesige Wackelpudding umgibt mich ab jetzt für die nächsten Stunden. Die, in denen ich mich dusche, anziehe, frühstücke. Und auf den Weg in den Supermarkt mache. Wo ich jetzt Spaghetti No. 3 in den Korb lege. Die ohne Ei. Nur aus Hartweizengrieß und Wasser. In Bronzeformen zubereitet. An denen die Sauce nicht abperlt, sondern von ihnen genährt wird, ein rundes Mundgefühl erzeugt. Wie das Wort Melone. Weich, üppig, kugelig. Wie Mama. Und Mamma. Und Merlot. Das stumme T stört glücklicherweise nicht. Gar nichts stört an Merlot. Seine Farbe ist rein, sein Duft betörend. Er berauscht mehr durch seinen Auftritt als seinen Alkoholgehalt.
Ich stehe wieder bei den Oliven. Die mit Zitronencreme gefüllten lachen mich an, also lege ich sie in den Korb. Machen sich gut zu dem Toast. Aber noch besser zu Baguette. Das kaufe ich nachher im Rausgehen beim Bäcker. Zitronencreme.
Mit Zitronen handeln. Eine Redewendung, deren Herkunft nicht sicher belegt ist. Ein Unterfangen ohne Erfolgsaussichten. In meinem Korb kullern die Zitronen herum, einer der Bio-Aufkleber löst sich und findet am Ingwer Halt. Ein unzulänglicher Ausspruch; wenn niemand mit Zitronen handeln würde, wären sie umso weniger erschwinglich. Es würde in Beschaffungskriminalität ausarten. Wie soll man denn auch ohne Zitronen eine Tarte au citron zubereiten? Die Tequila-Industrie würde kollabieren. Was ist eigentlich aus dem Yellow Lemon Tree geworden?
Egal. Ich brauche diese Zitronen. Vitamin C und so. Speziell, weil ich seit der Uni so ungern Mandarinen esse. Nicht wegen des penetranten Geruchs im Hörsaal, der hat mir nie etwas ausgemacht. Das Putzmittel der Firma, in deren Auftrag ich zu dieser Zeit Büroräume gereinigt habe, roch auch ganz angenehm danach. Von der Schale habe ich Ausschlag an den Händen bekommen, Pusteln im Gesicht und brennende Augen.
Ähnlich wie jetzt. Aber diesmal ist es mit ein wenig Wischerei getan und ich sehe wieder klar. Auch der Wackelpudding klärt sich und ich habe es leichter, mich durch ihn zu bewegen. Von meinem Handrücken löst sich der Ingweraufkleber. Die Zitronen kullern durch den Korb. Ich finde die Sardellen nicht. Nur Sardinen. Haben die eigentlich was mit Sardinien zu tun? Und kann ich die notfalls als Ersatz hernehmen?
Sardellen. Engraulidae. Anchovis. Nimmt man gern zum Martini. Oder aber zu Spaghetti alla puttanesca. Den Huren-Spaghetti. Die ich kochen will. Sardinen. Sardina. Eingepfercht wie die Ölsardinen. Ach, die! Nein, die funktionieren nicht als Substitut. Aber da stehen sie ja, die Sardellen.
Durch das Glas kann ich die Gräten sehen, von denen ich jetzt schon weiß, dass ich sie beim Verzehr hassen werde. Aber ohne Sardellen sind Spaghetti alla puttanesca eben keine Spaghetti alla puttanesca. Was sein muss, muss sein. Den losen Ingwer-Aufkleber bringe ich auf dem Toastbrot an. Die Dame an der Kasse wird Verständnis dafür haben.
An der Fleischtheke dreht sich mir der Magen sprichwörtlich um. Gerade noch erinnerte sich mein Geruchssinn an die Mandarinen anno dazumal, davor schwelgte er in französischen Weinbergen und jetzt ist es kalt. Eine Mischung aus Chlorreiniger, Tod und zerstückelter Nacktheit drängt sich pulkartig in meine Nase, kleistert meine Riechsinneszellen zu und verursacht die Übelkeit, die mich schnell weitergehen lässt. Seit Kindertagen wirkt diese olfaktorische Note auf mich als Schrittbeschleuniger. Wenn es etwas einzukaufen galt, und die Schlange beim Metzger länger war, atmete ich immer in meinen Schal oder mein Shirt, um diesen G eruch nicht in geballter Form ertragen zu müssen. Aber das Pfeffersalami-Brötchen lockte. Mohnbrötchen übrigens. Sehr gern.
Das Weinregal wurde umgeräumt. Und neu angelegt. Einige Weine fehlen. Andere sind hinzugekommen. Merlot, Merlot, Merlot. mɛrˈlo! Da ist er.
Ich lege die Zitronen auf den Toast, den Ingwer ebenfalls, die schwere Flasche kommt nach unten. Stößt nun bei jedem Schritt Richtung Kasse an das Glas mit den Anchovis. Knirscht dieses feine sandige Glasknirschen. Klinkert. Kommt zur Ruhe. Ich warte.
Eine Flasche reicht. Vier Gläser. Vier Abende. Merlot. Merlot. Merlot. mɛrˈlo. Vier philosophische Ergüsse. Viermal schlafen. Vier Morgen Pelz auf der Zunge. Vier Zitronen. Vier Minuten vor neun.