Der einzige Doktor, den ich brauche, ist Doc Martens.

Schon als Kind wusste ich, dass ich hässlich bin. Bereits im Kindergarten gab es immer ein Mädchen mit längeren Haaren, einem schöneren Lächeln, mindestens eines, das sportlicher war als ich und fast alle waren beliebter.

 

In der Grundschule wurde es nicht besser. Ich war immer das Mädchen, das selten bis nie länger aufbleiben durfte. Als alle anderen im Sommer noch draußen spielten, musste ich ins Bett und konnte nur noch aus der Ferne das Kichern und Reden hören. Was sie erzählten, konnte ich mir nur ausmalen. Statt den Tag mit dem Sonnenuntergang zu beenden, lag ich in meinem abgedunkelten Zimmer und durfte noch ein paar Seiten lesen.

Mir öffneten sich Welten. Ferne und fremde, spannende und traurige, besondere und alltägliche. In meinem Kopf lief nicht nur ein Film, sondern ich tauchte in das Geschehen ein, suchte, rannte, erschrak, verliebte mich. Erlebte Wunder und Trauer, Freude und Vielfalt. Es war, als sei ich Teil dieser Welt und je mehr ich las, desto klarer wurde für mich, dass ich ebenso Welten erschaffen wollte. Eine, in der ich mit den anderen auch so lange am Lagerfeuer sitzen durfte, bis ich vor Müdigkeit umkippte. Eine, in der ich einen zahmen Tiger als Haustier hatte. Eine, in der ich ich sein durfte und trotzdem von anderen gemocht wurde. Den Kindern, die noch um die Häuser zogen und die wildesten Abenteuer erlebten, war nämlich egal, dass ich nicht mehr da war. Sie hatten ja sich.

Ob nun einer mehr oder weniger beim Versteckspiel zu suchen war — egal. Einer weniger, mit dem man die selbstgepflückten Kirschen teilen musste? Umso besser. Einer weniger, der das Abenteuer durch seine Zögerlichkeit in Gefahr brachte? Perfekt.

 

Tag für Tag rückte meine Kindheit ein wenig von der der anderen ab. Sonderbar. Eigen. Stur. Eingebildet. Arrogant. Affektiert. Schlau. Nervig. Ängstlich. Langweilig. Und natürlich hässlich. So ein Mädchen konnte ja gar nichts anderes sein. Ich war das Kind mit der sprachlichen Neigung und der Abneigung für Mathematik, dessen Brotdose man aus dem Tornister stahl und diese in den Müll warf. Es dann auslachte, weil es in den Container kletterte, um diese wieder nach Hause zu bringen. Nicht ohne sie vorher gesäubert zu haben, damit die Mutter nichts merkte. Warum ich so fürchterlich aussah und so schmutzig war? Nur so. Nichts passiert. Schulweg eben. Da kommt jeder mal dran mit geärgert werden. Der eine häufiger, der andere wohl immer nur dann, wenn ich mal nicht dabei war.Abends verschlang ich einen weiteren Band der Fünf Freunde von Enid Blyton. Fühlte mich als Teil der Gemeinschaft, rätselte mit ihnen und war überzeugt, dass wir gemeinsam dieses Abenteuer bestehen würden. Es spielte keine Rolle, dass ich mit meinen großen Froschaugen in das Buch starrte und immer mit der etwas zu großen Unterlippe spielte und das zu kurze Haar mir ab und an zu Berge stand. Es sah ja niemand. Auch nicht Tim, Karl, Klößchen und Gabi, die kurz darauf in meine Bibliothek und meinen Kopf einzogen.

Nach draußen in den Garten zu den anderen wollte ich gar nicht mehr, es war mir zu anstrengend, in den Ränkespielen und Machtkämpfen mitzuhalten. Mich prügeln und Mutproben bestehen wollte ich auch nicht. Zumindest nicht, wenn letztere aus kleineren Diebstählen oder größerem Ungehorsam bestanden. Ich wusste ja, dass das zu Erklärungsnöten führen würde, also ging ich der Konfrontation aus dem Weg. Was mich wiederum zur Zielscheibe machte.

 

Zwar war die Opferrolle auch nicht das große Los, da man als schlaues und hässliches Kind ja über den Dingen zu stehen und sich nicht so anzustellen hatte, aber für eine Weile ließ es sich damit leben. Ungefähr bis zum ersten Pickel. Als mich in diesem Zeitraum das erste Mal ein Junge als „Schönheit“ bezeichnete, war ich überrascht. Und elf. Oder zwölf.

Er war mit seinen Eltern aus dem Kosovo zugezogen und sprach erst wenig Deutsch. Jeden Tag, an dem ich auf dem Heimweg mit dem Fahrrad bei ihm vorbeikam, rief er „Hallo, Schönheit!“ Ich winkte. Er winkte. Einige Wochen lang.

An dem Tag, an dem ich meiner einzigen Freundin davon erzählte, lachte sie mich aus und erklärte mir, dass die anderen Kinder ihm das beigebracht hätten und er das nur sagen würde, weil sie ihn sonst nicht in ihrer Bande mitmachen ließen. Eigentlich fand er mich hässlich. Und vor allem dumm. Ich fand mich fortan auch hässlich und dumm. Gegen ersteres ließ sich nicht viel unternehmen, meine Kleidung war von C&A und aus dem Discounter. Im Wachstum lohnte es sich nicht, teure Sachen zu kaufen. Schon gar keine namhaften Turnschuhe. Meine Eltern hatten recht. Es fühlte sich trotzdem scheiße an. Mein Bibliotheksausweis glühte in dieser Zeit und war mein Ausweg aus der zweiten Misere. Alles, was irgendwie interessant war, wurde ausgeliehen und binnen kürzester Frist ausgelesen. Fontanes Effi Briest verstand ich zwar noch nicht in seiner Tiefe, aber es schadete nicht. Sofies Welt wurde zu meiner. Und sie zerbrach beim nächsten Elternsprechtag.

 

Das hässliche und dumme Mädchen hatte zu wenig Freunde im Klassenverband und integrierte sich schlecht. Ein unhaltbarer Zustand, der Vater müsse dringend dafür sorgen, dass sich etwas änderte. Notfalls mit professioneller Hilfe. Der Kinderarzt könnte sicherlich helfen. Die wenigen Freunde in höheren Klassen und an anderen Schulen wären schließlich kein Maßstab und nicht der richtige Umgang. Auch wenn sich mich verstanden, ebenso seltsam waren wie ich und doch so normal — das musste aufhören. Ich sollte mich gefälligst anbiedern. Grandioser Auftritt der Oberstudienrätin.

Mein Vater war beeindruckt, ich heulte. Als hätte es nicht schon gereicht, gegen Pubertät und Stolpersteine der Gymnasiallaufbahn anzukämpfen, musste es nun auch noch Schauspiel sein. Da halfen auch Gaarder, Austen und Holbein nicht, erst musste der Sonderling an sich arbeiten und dann an den Noten. Mit einem Zweierschnitt konnte es schließlich nicht weitergehen. Stimmt. Es ging viel lustiger weiter. Ich machte mich nämlich zum Gespött der Schule, als mir im Unterricht verweigert wurde, die Toilette aufzusuchen und ich dann mit blutdurchtränkter, tropfender Hose zur nächsten Pause weinend den Hof verließ. Eine Rückkehr schien undenkbar, ich würde nie wieder einen Fuß in dieses Gebäude setzen.

Der Wecker klingelte am nächsten Morgen um zehn nach sechs, um sieben Uhr fünfundfünfzig saß ich in Raum 108 und sezierte eine Hummel. Musik war es dann, die mir Halt gab. Die mich mit anderen verband. Über die man reden konnte, ohne dass man über sich reden musste.

 

Meine Haare wurden raspelkurz und ketchuprot, Secondhand war in und wer brauchte Markenschuhe, wo es doch Doc Martens gab. Der einzige Doc, der gerade helfen konnte. Punk is not dead und mein Leben begann auch gerade. Noten waren mir wichtig, aber nicht auf dem Zeugnis. Die Oberstudienrätin gab auf, meine Eltern nach und ich mir selbst einen Tritt in den Hintern.

Aus dem hässlichen Entlein wurde ein schräger Vogel — ich haderte zwar immer noch mit mir, aber mein Ego stand da drüber. Wer mich scheiße fand, den wollte ich auch nicht enttäuschen. Dass ich einmal den Mann heiraten würde, in den ich mich zu genau dieser Zeit verliebt hatte, spann ich mir zwar fortan in der Welt zwischen Buchdeckeln und Kopfhörern zusammen, aber bis es so weit sein sollte, brach sie noch das ein oder andere Mal zusammen.

 

[Die Geschichte ist bereits fortgesetzt und wird auf der Plattform Sweek laufend ergänzt. "Alles wird sich ändern, wenn wir groß sind" . Hofft man. Als Kind, als Heranwachsender. Auch als Erwachsener noch. Und alles ändert sich. Was uns groß macht und wie wir uns verändern, hält diese Geschichte in mehrere Episoden und aus mehreren Sichtweisen fest. Erkennst du dich wieder?]

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Kommentare: 4
  • #1

    Ronja (Donnerstag, 05 Juli 2018 07:49)

    Ich fühle, leide, freue (mich) mit dir. Auf die Selbstfindung und Selbstliebe. Andere Kinder sind eben doof, auch in meiner Kindheit.

  • #2

    K.O. (Donnerstag, 05 Juli 2018 11:44)

    Ich kann mir nichts Phänomenales aus den Rippen leiern, deswegen sage ich es jetzt, wie es ist: Dein Text hat mich sehr, sehr berührt; er hat mich in meine eigene Kindheit zurück versetzt hat! Schade, dass sich Kinder wie wir nur selten finden und stattdessen annehmen, 'falsch' zu sein und eigentlich wie die Mehrheit ticken müssten. Aber hey - Du hast die Kurve gekriegt, Schöne! (ernst gemeint!)

  • #3

    Larissa Schwarz (Donnerstag, 05 Juli 2018 11:54)

    Liebe Ronja und K.O.,

    ich danke euch für eure lieben Worte!

    Ich habe mich entschlossen, die Geschichte weiterzuschreiben und ihr einen Rahmen zu geben, sie wird auf Sweek zu finden sein und immer mal wieder ergänzt. Sie bekommt einen Rahmen, in dem sie stattfindet, und in dem sich auch andere (Selbst-)Zweifler und vermeintliche Minderheitler, Einsiedler und Unverstandene äußern. Wenn ihr mögt, schaut hier vorbei: https://sweek.com/s/BAIBAWYCCAEHAQ8NBQQLaggC/Larissa_Schwarz/Alles-wird-sich-ändern-wenn-wir-groß-sind


    Alles Liebe, Larissa

  • #4

    Andreas Schütte (Donnerstag, 05 Juli 2018)

    ...ersteinmal stimme ich K.O. zu... Bis auf der verschmutzten Hose könnte dies auch der Rahmen meiner Geschichte sein... Larissa, du hast es wiedereinmal geschafft mich mit wenigen Worten in deinen Bann zu ziehen...