Nun sag', wie hast du's mit der Kohle? – Vom Leben mit dem Schreiben.

 

Wir gehen direkt in medias res heute, kein Vorspiel:

 

Kannst du vom Schreiben leben?

 

Abgesehen davon, dass die Frage schon falsch gestellt ist, für die Absicht, die dahintersteckt (ob ich von den Einnahmen meiner Tätigkeit als Autorin leben kann): Wie unverfroren und unhöflich ist das?

 

Da lernt man jemanden kennen und kommt im Gespräch darauf, dass man Autorin für Liebesromane ist und dann folgt – wenn es nicht die erste Frage ist, ist es eben die zweite: „Kannst du davon leben?“ Gut, auf eine geschlossene Frage darf man gern mit „Ja“ oder „Nein“ antworten, aber um verlässlich Auskunft darüber geben zu können, müsste man erst einmal definieren, wie dieses „leben“ denn so aussieht. Soll ich eine Größenordnung auf den Tisch legen? 20.000, 40.000 oder 100.000 Euro – nackte Zahlen, die genauso wenig über meinen Lebensstandard aussagen, wie ja oder nein.

 

Gehen diese Menschen auch zum Eismann und fragen ihn: „So’n Eiswagen, rentiert der sich?“

Oder beim Hundefriseur. „Cool, so mit Tieren arbeiten. Können Sie davon echt Ihre Miete bezahlen?“

Oder an den Gastronom gerichtet: „Mit einem Restaurant Geld verdienen, geht das heute überhaupt noch?“

  

Man stelle sich vor, die Antworten würden lauten: „Der Eiswagen? Ne. Den muss ich bald verkaufen, weil mein Businessplan nicht aufgegangen ist und damit mein Lebenstraum platzt.“

 

Oder: „Meine Miete kann ich schon seit drei Monaten nicht mehr bezahlen, ich ziehe bald hier im Hundesalon ein, da spare ich mir dann auch das Auto.“

Oder: „Mit dem Essen sicherlich nicht. Ist ne reine Geldwaschanlage.“

Da macht man doch nur noch ein dummes Gesicht und nen guten Eindruck.

  

Es würde wohl auch niemand auf die Idee kommen, einen Angestellten zu fragen: „Sag mal, kommst du mit deinem Gehalt aus?“ Am Ende des Geldes ist wahrscheinlich bei vielen noch ein Stückchen Monat übrig.

 

Aber was ist denn nun die passende Antwort in meinem Fall?

 

Ja, kann ich.

Diese Aussage hat wahrscheinlich eine Abkehr von potenziellen Kaufabsichten zur Folge, schlimmstenfalls wird die Neugier auf das schriftstellerische Talent dann in Piraterieportalen befriedigt. Der Gedanke steht wie eine Laufschrift auf der Stirn: „Na, dann muss ich deine Bücher ja nicht kaufen, kannst du mir ja schenken.“ Oder wahlweise auch: „Wenn du so dicke im Geschäft bist, warum bist du dann nie im Fernsehen?“ Oder: „Was für eine arrogante Tussi.“

 

Nein, kann ich nicht.

Wenn ich so antworte, hat das direkte Auswirkungen auf das Besserwisser-Areal im Hirn des Gegenüber. „Du, der Hübendübel, der schreibt Krimis, der kann davon leben. Schreib doch mal wie der.“ Oder wahlweise: „Na, dann isses um dein Talent wohl nicht sonderlich bestellt.“ Oder auch gern: „Wenn du  – hier bitte wahllos einfügen – Cover, Schriftart, Verlag, deinen Namen, die Geschichte, dein Gesicht, änderst, wird das vielleicht noch was.“ Und besonders gern: „Na, so ist das mit den Hobbys.“

  

Darüber rede ich nicht.

Da kann ich auch gleich ja oder nein sagen, das Ergebnis ist dasselbe.

 

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Nicht, ob ich mit meinem Einkommen auskomme. Es gibt allerdings keine allgemeingültige und zu jedem Fragenden passende Antwort. Sorry. Wer das jetzt für Clickbait hält, darf gehen, der Rest möge gern weiterlesen.

 Was mich nämlich noch umtreibt, ist die Frage: Wie kommt es ursprünglich, dass sich in Gegenwart von freischaffenden Künstlern und Kreativen diese Frage überhaupt aufdrängt? Es geht ja nicht nur mir so.

 

Haben diese Menschen Angst, dass sie mich durch ihre Sozialabgaben finanzieren? Dass ich dem Staat auf der Tasche liege?

Oder ist es eine Form von Respekt, Bewunderung? „Wow, Freiberufler, das würde ich mir selbst nicht zutrauen!“ – nur eben anders verklausuliert?

 

Dass die Frage tatsächlich eine rein pekuniäre ist, erkennt man übrigens daran, dass „Ich lebe für das Schreiben, das reicht.“ nicht als hinreichende Antwort empfunden wird.

 

Alternativ wird übrigens auch gern gefragt: „Wie viele Bücher hast du schon verkauft?“

 

Man ist geneigt zu antworten: „Das geht dich nen Scheißdreck an, das darf mich gerade mal das Finanzamt fragen.“ Man bleibt aber höflich und entgegnet: „Ich habe den Überblick verloren.“

 

Auch gern genommen: „Wenn du deinen Partner/deine Eltern/sonst wen nicht hättest, könntest du das doch gar nicht machen, oder?“

Aus: „Wenn mein Partner mich nicht hätte, könnte der auch so einiges nicht.“ wird vorsichtig: „Natürlich ist es schön, Unterstützung aus dem privaten Umfeld zu erfahren, allerdings hab ich was Anständiges gelernt und bin durchaus in der Lage, mich selbst zu versorgen.“

 

Ich juble auch immer bei: „Und, was machst du sonst so? Beruflich, meine ich.“

 „Masturbations-Toys testen und eine Erotik-Hotline betreiben. Deine Stimme kommt mir übrigens irgendwie bekannt vor. Bist du Oliver?“ Schade, traue ich mich nicht. (Aber die obligatorische Dosis FICKEN wäre hiermit verabreicht.) Daraus wird halt: „Das Schreiben und das Buchmarketing sind tagesfüllende Aufgaben, ich suche nicht aus Spaß eine Reinigungskraft.“

 

Es gibt Menschen, mit denen rede ich tatsächlich offen über solche Dinge. Wenn es für unsere (geschäftlich geprägte oder persönliche) Beziehung wichtig ist und ich das Gefühl habe, dass da nicht nur Neugier befriedigt werden soll, was ja wiederum auch ein bisschen schmeichelt. Aber: Es geht wirklich niemanden was an.

 

Für mehr zum Thema "Und sonst so?" drücke die 1. Drücke die 2, wenn du wissen willst, was ich über Schriftsteller denke oder drücke die 3, wenn du Bock auf ein geniales Rezept für Lasagne hast. Gern geschehen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Vero Havre (Samstag, 03 März 2018 00:00)

    Das scheint eine typisch deutsche Frage zu sein. Vor Kurzem habe ich bei einer Youtuberin (Wanted Adventure), die über ihre Erfahrungen als Amerikanerin in Deutschland berichtet, ein Video gesehen, in dem sie ihre Verwunderung zum Ausdruck brachte, dass Deutsche immer über die Höhe des Einkommens reden (wollen) und Amerikaner nie darüber sprechen würden. �

  • #2

    Larissa Schwarz (Sonntag, 04 März 2018 19:44)

    Das sehe ich mir doch gern mal an ...
    Auf Facebook lief dazu ja eine umfangreichere Diskussion; mit engen Freunden oder Familie redet man darüber ja tatsächlich etwas offener, woher jedoch diese Unsitte unter Fremden bzw. weitläufigeren Bekannten rührt, kann ich immer noch nicht nachvollziehen.